{"id":1023,"date":"2018-03-19T12:51:00","date_gmt":"2018-03-19T11:51:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/?p=1023"},"modified":"2018-05-10T21:09:07","modified_gmt":"2018-05-10T19:09:07","slug":"diener-zweier-herren-im-wiener-burgtheater","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/2018\/03\/19\/diener-zweier-herren-im-wiener-burgtheater\/","title":{"rendered":"Diener zweier Herren im Wiener Burgtheater"},"content":{"rendered":"<p>Das Wiener Burgtheater ist etwas ganz Besonderes. Nach der Com\u00e9die-Francaise ist es das \u00e4lteste Sprechtheater Europas, 1748 begr\u00fcndet, und hat seine jetzige Heimat seit 1888 in einem imposanten Geb\u00e4ude am Universit\u00e4tsring, gegen\u00fcber vom Wiener Rathaus. Grillparzers \u201eEsther\u201c und Schillers \u201eWallenstein\u201c waren 1888 im neuen gro\u00dfen Haus die ersten St\u00fccke. Im Burgtheater wurde Theatergeschichte geschrieben, doch auch die \u00e4u\u00dfere Geschichte hinterlie\u00df hier ihre Spuren. Zum Ende des Zweiten Weltkrieges wurde das Haus als Munitionslager missbraucht und brannte nach einem Bombenangriff weitgehend aus. Die Stahlkonstruktion, Teile des Foyers und die von Franz Matsch und Gustav und Ernst Klimt geschaffenen Deckengem\u00e4lde blieben immerhin erhalten. 1948 begann der Wiederaufbau, 1955 wurde er abgeschlossen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1026\" aria-describedby=\"caption-attachment-1026\" style=\"width: 1024px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1026 size-large\" src=\"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Burgtheater-1024x683.jpg\" alt=\"Pause\" width=\"1024\" height=\"683\" srcset=\"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Burgtheater-1024x683.jpg 1024w, http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Burgtheater-300x200.jpg 300w, http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Burgtheater-768x512.jpg 768w, http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Burgtheater.jpg 1500w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1026\" class=\"wp-caption-text\">Foyer des Burgtheaters<\/figcaption><\/figure>\n<p>Die Liste ber\u00fchmter Schauspieler vor und nach den Kriegen ist von beeindruckender L\u00e4nge. Die Familie H\u00f6rbiger begr\u00fcndete eine ganze Schauspiel-Dynastie, mit Paul und Attila H\u00f6rbiger, Christiane H\u00f6rbiger und derzeit Mavie H\u00f6rbiger. Weitere gro\u00dfe Namen der Ensemblegeschichte sind in zuf\u00e4lliger Reihenfolge Paula Wessely, Gattin von Attila H\u00f6rbiger, Max Oph\u00fcls, Josef Meinrad, Theo Lingen, Karl B\u00f6hm, Traugott Buhre, O.W. Fischer, Bruno Ganz, Curd J\u00fcrgens, Hans Moser, Fritz Muliar, Peter Weck, Will Quadflieg, Erika Pluhar, Leslie Malton und viele mehr. Hinzu kamen unz\u00e4hlige prominente Gastschauspieler. Die bekanntesten Mitglieder des derzeitigen Ensembles sind vielleicht Karl-Maria Brandauer, Joachim Meyerhoff, Martin Wuttke und Peter Simonischek, bei den Damen Caroline Peters und Mavie H\u00f6rbiger.<\/p>\n<p>Carlo Goldonis \u201eDiener zweier Herren\u201c wurde 1746 in Mailand uraufgef\u00fchrt und ist das bekannteste B\u00fchnenst\u00fcck des Autors. Goldoni, 1707 in Venedig geboren, war eigentlich studierter Jurist, nahm aber zum Spa\u00df auch an Schauspielauff\u00fchrungen teil. 1734 musste er wegen einer Liebesangelegenheit Venedig verlassen, zog mit einer Comedia-dell\u2018Arte-Gruppe mit und versorgte sie mit Sprech- und Gesangstexten. Schlie\u00dflich wurde er Hausdichter am Opernhaus von Venedig und schrieb zudem St\u00fccke f\u00fcr verschiedene Theatergruppen. Zeitweise arbeitete er dann wieder als Rechtsanwalt in der Toskana, bevor er sich endg\u00fcltig als St\u00fcckeschreiber und Librettist in Venedig etablieren konnte. 1761 wurde der inzwischen europaweit bekannte Autor nach Paris berufen und bleib bis zu seinem Lebensende 1793 dort.<\/p>\n<p>\u201eDiener zweier Herren\u201c ist eine Kom\u00f6die in bester Tradition der Comedia-dell\u2018Arte, zu deren Erneuerern Goldoni gez\u00e4hlt wird. Der Gesch\u00e4ftsmann Pantaleoni de\u00b4Bisognosi (Peter Simonischek) beschlie\u00dft zusammen mit Dottore Lombardi (Johann Adam Oest) die Verm\u00e4hlung seiner Tochter Clarice (Irina Sulaver) mit Lombardis Sohn Silvio (Christoph Radakovits). Eigentlich war Clarice dem Frederigo Rasponi versprochen, doch dieser wurde von Florindo Aretusi im Streit erschossen. \u00dcber den Tod des Rasponi wird w\u00e4hrend der Verlobungsfeier im Gasthof des Brighella (Hans-Dieter Knebel), dem einzigen Schauplatz der Auff\u00fchrung im Burgtheater, in blumiger Ausschm\u00fcckung berichtet als Truffaldino in die Feier platzt und das Erscheinen seines Herrn ank\u00fcndigt, eben jenes Rasponi, von dem man glaubt, er sei erschossen. Rasponi erscheint tats\u00e4chlich, der Wirt, der ihn aus fr\u00fcheren Tagen kennt, bezeugt seine Identit\u00e4t. In Wirklichkeit ist es jedoch Beatrice, Rasponis Schwesters (Andrea Wenzel), die als eigener Bruder verkleidet Schulden eintreiben will, die Pantaleoni bei ihrem Bruder hatte. Zugleich sucht sie ihren Geliebten Florindo, der sich auf der Flucht nach Venedig begeben haben soll. Pantaleoni ist nun in Gewissensnot, da er nicht wei\u00df, welches von ihm gegebene Wort zur Verm\u00e4hlung gilt &#8211; das gegen\u00fcber Rasponi gegebene Eheversprechen oder die Verlobung mit Silvio. Truffaldino (Markus Meyer), ein wahrer Irrwisch von Diener, hat sich schon gleich bei seiner Ankunft in die spr\u00f6de Dienstmagd Smeraldina (Mavie H\u00f6rbiger), ein sp\u00e4tes M\u00e4dchen, verguckt und macht ihr fortan sch\u00f6ne Augen. Nachdem auch Florindo (Sebastian Wendelin) auf der Bildfl\u00e4che erschienen ist und sich im Gasthof mit Hilfe von Alkohol Trost \u00fcber seine ungl\u00fcckliche Tat und die Trennung von Beatrice spendet, nimmt Truffaldino auch bei ihm eine Stelle als Diener an, in erster Linie, weil er hofft, nun schneller an etwas Essbares zu kommen. Anfangs kann Truffaldino die doppelten Dienstauftr\u00e4ge noch unter einen Hut bringen, doch dann verheddert er sich mehr und mehr in einem L\u00fcgennetz. Wegen Truffaldinis L\u00fcgen glauben schlie\u00dflich sowohl Florindo wie Beatrice vom jeweils anderen, dass sie tot seien und sind kreuzungl\u00fccklich.Bis zum Finale des St\u00fcckes m\u00fcssen also drei Liebespaare zueinander finden \u2013 Florindo und Beatrice, Silvio und Clarice und schlie\u00dflich auch noch Truffaldino und Smeraldina. Pantaleoni streitet derweil mit dem Latein-gelehrten Winkeladvokaten Dottore Lombardi \u00a0\u00fcber die Rechtm\u00e4\u00dfigkeit der Verlobung ihrer Kinder und mit Beatrice nach deren Enttarnung als Frau \u00fcber die R\u00fcckzahlung der Schulden, die er bei ihrem Bruder hatte. Dazwischen tobt Truffaldini umher und stiftet Verwirrung. Am Ende wird jedoch alles gut. Die drei Liebespaare bekommen einander und Pantaleoni zahlt. Die Auff\u00fchrung von Christian St\u00fcck am Burgtheater ist purer Klaumauk, mit vielen Slapstick-Einlagen gekonnt serviert und \u00fcberschreitet nicht nur einmal schwungvoll und mit voller Absicht die Grenze zum Boulevard. Zeitlich angesiedelt ist die Inszenierung wohl irgendwann in den 1930er oder 1940er Jahren. Die italienischen Orte der klassischen Vorlage werden genannt, aber das Geschehen k\u00f6nnte auch im italienischen Mafia-Milieu der USA passiert sein. Goldonis Degen werden hier zu Pistolen. Die Herren tragen zumeist braune Nadelstreifenanz\u00fcge. Der Wirt des Gasthauses, Hans-Dieter Knebel als Brighella, scheint mit seinem blauen Streifen-T-Shirt und seiner Kappe geradewegs aus einem alten franz\u00f6sischen Film entsprungen zu sein, oder einem Asterix-Heft, das diese Figur persifliert. Mavie H\u00f6rbiger als Smeraldine ist gegen ihren wirklichen Typ frisiert und kost\u00fcmiert, Mit langen glatten schwarzen Haaren im schlichten schwarzen Kleid und halbhohen schmucklosen schwarzen Stiefeln erinnert sie an eine Zofe aus einem Bunuel-Film. Eine aufgeschminkte kantige Nase verleiht ihr etwas Maskenhaftes. Sie ist einer der Stars des Abends und sorgt mit ungelenken Gesten, unpassendem Kopfnicken und markigen Spr\u00fcchen f\u00fcr zahlreiche Lacher. Irina Sulavers Clarice, mit langen blonden Haaren und rosa Kleid ist weniger blondes Dummchen als frech emanzipierte junge Frau, die ihrem Vater zwar gehorcht, aber auch ihren Kopf hat und sich wenn n\u00f6tig auch direkter Sprache bedient: \u201eIch stopf\u00b4mir alle L\u00f6cher zu\u201c, erkl\u00e4rt sie ihr Nichteinverst\u00e4ndnis als Braut wider Willen. Peter Simonischek, sp\u00e4testens seit seiner Darstellung des Toni Erdmann im gleichnamigen Film von Maren Ade zum Weltstar aufgestiegen, spielt den Pantaleoni als jovialen Gauner, der das Herz aber auf dem rechten Fleck hat. Simonischek hat die Rolle souver\u00e4n im Griff, und chargiert gekonnt mit seinen schiefen Z\u00e4hnen und abgerissenen Fingern. Im Finale isst er ohne mit der Wimper zu zucken einen Pudding, den zuvor schon Markus Meyer im Mund hatte. Ihhh&#8230; Schauspieler m\u00fcssen bisweilen an die Grenzen gehen. F\u00fcr viel Komik und reichlich Slapstick sorgen vor allem Markus Meyer als Truffaldino und Sebastian Wendelin als jammernder Florindo. Truffaldino ist ein Aufschneider par excellence. Und ein kleiner Gauner auch, aber ein liebensw\u00fcrdiger. Und Florindo tut einem einfach leid. Wie konnte er nur den Rasponi erschie\u00dfen? Das muss ein Unfall gewesen sein. Rasponis Schwester Beatrice ist jedenfalls nicht nachtragend. Andrea Wenzel spielt sowohl den m\u00e4nnlichen wie den weiblichen Part ihrer Rolle \u00fcberzeugend.<\/p>\n<p>Das Spiel vollzieht sich vor, hinter und auch zwischen zwei W\u00e4nden, die die Innen- und Au\u00dfenmauern eines Gasthofes darstellen sollen. Die B\u00fchne dreht sich oft und im Laufe des Abends auch immer schneller, beim Finale furioso nahezu unentwegt. Und das Ensemble h\u00e4lt mit seinem temporeichen Spiel stets mit und springt von hinten nach vorne. Am Ende kommen die Dinge in Ordnung und alle haben sich lieb. Das Wiener Publikum eilt beschwingt nach Hause.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1028\" aria-describedby=\"caption-attachment-1028\" style=\"width: 1000px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1028 size-full\" src=\"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Burgtheater-Diener-zweier-Herren-B\u00fchne.jpg\" alt=\"Wiener Burgtheater\" width=\"1000\" height=\"667\" srcset=\"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Burgtheater-Diener-zweier-Herren-B\u00fchne.jpg 1000w, http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Burgtheater-Diener-zweier-Herren-B\u00fchne-300x200.jpg 300w, http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Burgtheater-Diener-zweier-Herren-B\u00fchne-768x512.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1028\" class=\"wp-caption-text\">Diener zweier Herren<\/figcaption><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"mh-excerpt\"><p>Das Wiener Burgtheater ist etwas ganz Besonderes. 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