{"id":1066,"date":"2018-04-18T23:05:26","date_gmt":"2018-04-18T21:05:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/?p=1066"},"modified":"2018-05-10T21:07:28","modified_gmt":"2018-05-10T19:07:28","slug":"stuckrad-barres-panikherz-am-thalia-theater","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/2018\/04\/18\/stuckrad-barres-panikherz-am-thalia-theater\/","title":{"rendered":"Stuckrad -Barres &#8222;Panikherz&#8220; am Thalia Theater"},"content":{"rendered":"<p>Benjamin von Stuckrad-Barre hatte wohl das Pech zu fr\u00fch Erfolg und die falschen Leute kennengelernt zu haben. Allerdings hat er beides auch gesucht. Aufgewachsen in Rotenburg an der W\u00fcmme und in G\u00f6ttingen als viertes Kind einer Pastorenfamilie versuchte er nach seinem Abitur 1994 in Hamburg kurze Zeit ein Germanistik-Studium, arbeitete als Redakteur des deutschen Rolling Stone, schrieb Texte f\u00fcr die Harald Schmidt Show und als freier Autor f\u00fcr verschiedene Zeitungen und Magazine und ver\u00f6ffentlichte dann schon bald seinen gr\u00f6\u00dften Erfolg, den Roman \u201eSoloalbum\u201c. Mit diesem schuf er einen neuen Stil und gilt zusammen mit einigen anderen j\u00fcngeren Autoren als Begr\u00fcnder einer neuen Literaturrichtung, der \u201eneuen deutschen Popliteratur\u201c. \u00a0Der Blick auf politische oder allgemeing\u00fcltige gesellschaftliche Themen fehlt hier zumeist v\u00f6llig, stattdessen steht das private Leben, das orientierungslose Dahintreiben in den eigenen Befindlichkeiten im Vordergrund. Der US-Amerikaner Bret Easten Ellis und seine Erfolgsroman \u201eLess than Zero\u201c ist das gro\u00dfe Vorbild. Benjamin Stuckrad-Barre ist allerdings ein aufmerksamer Beobachter und kann seine Entdeckungen auf interessante Art zur Sprache bringen. Nachdem er selber zum Popstar des Feulletons wurde, st\u00fcrzte Stuckrad-Barre in seinem Privatleben bald ab. Seine Kokainsucht klingt schon beim Ich-Erz\u00e4hler in \u201eSoloalbum\u201c an. Hinzu kam ausgiebiger Alkoholkonsum, Depressionen als Folge oder Ursache. Nachfolgende Ver\u00f6ffentlichungen reichen an den Erfolg von Soloalbum nicht heran. Versuche als Moderator im Fernsehen Fu\u00df zu fassen, bleiben St\u00fcckwerk. Stuckrad-Barre thematisierte seine Sucht und lie\u00df einen intimen Dokumentarfilm \u00fcber sein Leben in Abh\u00e4ngigkeit drehen. Er unternahm mehrere Anl\u00e4ufe, sich von seiner Sucht zu befreien und schaffte das schlie\u00dflich mit Hilfe von Udo Lindenberg, der ihm seinen eigenen Suchtarzt empfiehlt. 2016 kn\u00fcpft Stuckrad-Barre dann mit seinem Roman Panikherz an die fr\u00fchere Erfolge an. Es ist seine Autobiografie. Ohne Sch\u00f6nf\u00e4rberei berichtet er von seinem Erwachsenwerden, das in Rotenburg an der W\u00fcmme als Udo-Lindeberg-Fan begann, dem Umzug nach G\u00f6ttingen, wo er als Landpomeranze und Sohn einer \u00d6ko-Familie geh\u00e4nselt wird. Die fr\u00fchen Erfolge als Schreiber, der Sprung in die Popwelt: Drogen, Junkie, Essst\u00f6rungen, Kotzen, Einsamkeit, Entzug, Depression, Selbstmitleid und Jammer. Am Ende holt ihn sein Bruder da raus und bringt nach Hause \u2013 zur\u00fcck zur Familie. Mit seiner Autobiographie Panikherz kn\u00fcpft Stuckrad-Barre an seine Deb\u00fctroman \u201eSoloalbum\u201c an und \u00fcbertrifft diesen an Substanz \u2013 inzwischen hat der Autor viel erlebt &#8211; und Umfang. Wer wissen will, wie der ganze Jammer endet, muss 600 Seiten lesen.<br \/>\nDer junge Regisseur Christoph R\u00fcping wird als Shooting Star in der deutschen Theaterwelt gefeiert. 2011 brachte er in Frankfurt eine Theater- Fassung von \u201eDer gro\u00dfe Gatsby\u201c auf die B\u00fchne. Am Hamburger Thalia Theater, im kleinen Haus an der Gau\u00dfstra\u00dfe, inszenierte er 2012 die von Robert Koall dramatisierte Fassung von Wolfgang Herrndorfs Jugendroman \u201eTschick\u201c. Das erfolgreiche St\u00fcck geh\u00f6rte auch 2018 noch zum Programm des Thalia-Theaters.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1069\" aria-describedby=\"caption-attachment-1069\" style=\"width: 1024px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-1069\" src=\"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/panikherz-thalia-1024x683.jpg\" alt=\"Thalia-Theater\" width=\"1024\" height=\"683\" srcset=\"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/panikherz-thalia-1024x683.jpg 1024w, http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/panikherz-thalia-300x200.jpg 300w, http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/panikherz-thalia-768x512.jpg 768w, http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/panikherz-thalia.jpg 1500w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1069\" class=\"wp-caption-text\">Thalia-Theater<\/figcaption><\/figure>\n<p>Mit \u201ePanikherz\u201c hat sich Christoph R\u00fcping eines weiteren St\u00fcckes Prosa angenommen. Sein \u201ePanikherz\u201c kommt grellbunt daher, beginnt schon, bevor die Zuschauer noch Platz genommen haben.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend das Publikum noch seine Sitze sucht, wird die offene B\u00fchne schon in Nebel geh\u00fcllt. Nebel gibt es reichlich. Benjamin von Stuckrad-Barre, Mittelpunkt und Thema, wird von mehreren Schauspielern in verschiedenen Phasen seines und unterschiedlichen Situationen dargestellt. Pascal Houdus ist der junge Benjamin von Stuckrad-Barre, der sich in seinem Kinderzimmer in Rotenburg an der W\u00fcmme \u00fcber Udo Lindenberg freut und in G\u00f6ttingen unter den \u201eGr\u00f6\u00dfst\u00e4dtern\u201c als zugezogener Hinterw\u00e4ldler um Anerkennung k\u00e4mpfen muss. Sebastian Zimmler leistet den gr\u00f6\u00dften Anteil an der Verk\u00f6rperung des kokains\u00fcchtigen Autors. Julian Greis, Bernd Grawert, Franziska Hartmann, Oda Thormeyer und Peter Maertens helfen als unterschiedliche Aspekte des Benjamin von Stuckrad-Barre aus oder stellen szenisch das Drumherum seine Lebens dar. Udo Lindenberg ist der rote Faden der Geschichte. Er steht am Anfang, als die Welt noch heil war, und er hilft Stuckrad-Barre am Ende aus der Sucht. Und er taucht leibhaftig immer wieder in seiner unverkennbare Udo-Lindenberg-Maske &#8211; Hut, Marine-Frack und Sonnenbrille &#8211; sagt aber nichts. Nur einmal spricht Udo seine zentrale Botschaft: \u201cKeine Panik!\u201c.<\/p>\n<p>Das St\u00fcck beginnt schwunghaft und mit vielen optischen Effekten mit dem Aufstieg zum gefeierten Autor. In einer zentralen Szene zu Anfang wird ein Ausschnitt aus einer Sendung der WDR-Reihe \u201eZimmer frei\u201c gezeigt, riesengro\u00df schemenhaft und verzerrt auf eine Nebelwand projiziert. G\u00f6tz Alsmann schlie\u00dft seine Vorstellung des damals 27-j\u00e4hrigen Gastes Benjamin von Stuckrad-Barre mit den flapsigen Worten ab. \u201eSo jemand wird entweder weltber\u00fchmt oder drogens\u00fcchtig.\u201c Stuckrad-Barre w\u00e4re sicher gerne weltber\u00fchmt geworden, stattdessen wurde er aber drogens\u00fcchtig.<\/p>\n<p>Nach dem Bericht \u00fcber den Ausbruch aus dem spie\u00dfb\u00fcrgerlichen famili\u00e4ren Umfeld, der uncoolen M\u00fcsliwelt, ins Licht, in die elektrische Popwelt, kommt die Zeit des Elends: Fresssucht, Kokain und Alkoholsucht, Bordellbesuche &#8211; der beste Freund ist schlie\u00dflich der Dealer. Das Zuhause ist in eine M\u00fcllhalde verwandelt. Entziehungskuren, die nichts fruchten. Bisweilen springt das St\u00fcck ans Ende der Reise, ins Hotel Chateau Marmont \u00a0am Sunset Boulevard in Hollywood. Das Hotel hat viele Ber\u00fchmtheiten beherbergt und wurde in vielen Romanen zitiert. Hier hat sich auch Stuckrad-Barre zur\u00fcckgezogen und gro\u00dfe Teile seiner Autobiographie Panikherz verfasst. Eine der witzigsten Passagen ist Zimmlers Aufz\u00e4hlung der Gr\u00fcnde, warum Stuckrad-Barre auf keinen Fall an einem Klassen-Jahrestreffen teilnehmen will, zudem er eingeladen wurde. Was Stuckrad-Barre nicht will, erf\u00e4hrt der Leser\/ der Zuschauer hier genau. Aber was will er? In LA am Pool sitzen?<\/p>\n<figure id=\"attachment_1068\" aria-describedby=\"caption-attachment-1068\" style=\"width: 1024px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1068 size-large\" src=\"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/panikherz-buehne-1024x694.jpg\" alt=\"Panikherz, 2. Teil\" width=\"1024\" height=\"694\" srcset=\"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/panikherz-buehne-1024x694.jpg 1024w, http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/panikherz-buehne-300x203.jpg 300w, http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/panikherz-buehne-768x521.jpg 768w, http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/panikherz-buehne.jpg 1500w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1068\" class=\"wp-caption-text\">Panikherz, 2. Teil<\/figcaption><\/figure>\n<p>Die Auff\u00fchrung dauert inklusive Pause drei Stunden. Im letzten Drittel vor der Pause wird die Geschichte etwas z\u00e4h und zieht sich. Drogenkonsum, Entzug, Drogenkonsum, Entzug. Nach der Pause folgen 40 weitere Minuten. Zwei Zuschauer werden zu Gespr\u00e4chen auf die B\u00fchne gebeten. Es folgen einige Reflexionen. Das Ensemble musiziert in Masken im Hintergrund. Das St\u00fcck endet dann irgendwie im Fade out. Den Hamburger Zuschauern hat es jedenfalls gefallen und sie dankten mit langem Applaus.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Regie: Christopher R\u00fcping<br \/>\nMusik: Christoph Hart<br \/>\nB\u00fchne: Jonathan Mertz<br \/>\nLive-Musik: Christoph Hart<br \/>\nKost\u00fcme: Anna-Maria Schories<br \/>\nVideo: Su Steinmassl<br \/>\nDramaturgie: Matthias G\u00fcnther<br \/>\nDarsteller:<br \/>\nBernd Grawert<br \/>\nJulian Greis<br \/>\nFranziska Hartmann<br \/>\nPascal Houdus<br \/>\nPeter Maertens<br \/>\nOda Thormeyer<br \/>\nSebastian Zimmler<\/p>\n<p>Udo Lindenberg-Double (alternierend) Wenyen You \/ Chen Ding<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"mh-excerpt\"><p>Benjamin von Stuckrad-Barre hatte wohl das Pech zu fr\u00fch Erfolg und die falschen Leute kennengelernt zu haben. Allerdings hat er beides auch gesucht. 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