{"id":1078,"date":"2018-06-09T17:57:14","date_gmt":"2018-06-09T15:57:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/?p=1078"},"modified":"2018-06-09T17:58:46","modified_gmt":"2018-06-09T15:58:46","slug":"haensel-und-gretel-im-thalia-theater","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/2018\/06\/09\/haensel-und-gretel-im-thalia-theater\/","title":{"rendered":"H\u00e4nsel und Gretel im Thalia Theater"},"content":{"rendered":"<p>Wie w\u00fcrde wohl die teutonische Brachial-Rockband Rammstein ein Konzept-Album mit der Geschichte von den ausgesetzten Kindern H\u00e4nsel und Gretel verwirklichen? Wohl genau so, wie es\u00a0 im Thalia-Theater aufgef\u00fchrt wurde, vielleicht noch mit etwas mehr Leder. Zusammen mit dem Rammstein-Frontman Till Lindemann haben die beiden litauischen Regisseure Ene-Liis Semper und Tiit Ojasoo die M\u00e4rchengeschichte als d\u00fcstere Rockoper in Szene gesetzt. Die dramatische Reise beginnt im Haus der Eltern von H\u00e4nsel und Gretel beim Abendessen. Die Szenen dort im Haus und sp\u00e4ter auf der B\u00fchne werden fast durchg\u00e4ngig von Kameram\u00e4nnern begleitet, die sich zwischen den Schauspielern hindurch bewegen, ihnen sehr nahe kommen und h\u00e4ufig die Bilder der Gesichter in Gro\u00dfaufnahme live auf eine zumeist \u00fcber der B\u00fchne h\u00e4ngende Video-Leinwand\u00a0 projizieren. Zumindest wird den Zuschauern dies vorgegaukelt, denn die Szenen, an denen Till Lindemann als stiller schwarzer Beobachter oder bunt geschminkter l\u00e4rmender Clown beteiligt ist, sind nicht live, sondern werden als Aufzeichnung eingespielt. Der Rammstein-Frontmann ist nicht leibhaftig zugegen. Aber die \u00fcbrigen Schauspieler schaffen durch ihr synchrones Spiel zu den aufgezeichneteten Videosequenzen eine Live-Illusion. Das ist geschickt gemacht. Bisweilen erscheint im B\u00fchnenhintergrund noch eine zweite Leinwand auf der die von Lindemann vorgetragen Lieder als Videoclips eingespielt werden. Sie sind der Kommentar zur Geschichte. Till Lindemann agierte als der derzeit wieder gern zitierte antike griechische Chor \u2013 in einer Ein-Mann-Version.<br \/>\nH\u00e4nsel (Kristof Van Boven) und Gretel (Natalia Rudziewicz &#8211; die die Rolle f\u00fcr die erkrankte Marie Jung \u00fcbernommen hatte), ebenso die Eltern Gabriela Maria Schmeide als Mutter und Tim Porath als Vater, sind mit Hilfe von Latex-Teilmasken und ausgestopften Kost\u00fcmen auf groteske Weise \u00fcberzeichnet.<br \/>\nNach dem Abendessen werden die Kinder noch liebevoll zum Schlafen gebracht. \u00a0Die Mutter liest die Geschichte vom M\u00e4uschen, dem V\u00f6gelchen und der Bratwurst vor \u2013 ein M\u00e4rchen im M\u00e4rchen. Dort erf\u00fcllen alle ihre Aufgabe, bis der Vogel rebelliert. Er erzwingt eine andere Arbeitsteilung, an der aber alle scheitern, umkommen oder zumindest zu Schaden kommen. Als die Kinder schlafen, beklagt die Mutter gegen\u00fcber ihrem Mann, dass das Geld zum Leben nicht reicht. Im M\u00e4rchen will die Stiefmutter hier die fremden Kinder loswerden, in der Thalia-Version regiert vor allem der \u00dcberfluss. Im Vergleich mit dem Zweitwagen, dem Netflix-Abo oder dem Fitness-Studio kann man auf die beiden Kinder am ehesten verzichten, befinden die Eltern, und so werden H\u00e4nsle und Gretel im Wald ausgesetzt. Sie irren dort umher und treffen schlie\u00dflich auf die Hexe. Bj\u00f6rn Meyer spielt diese als Fetish-affinen Transvestiten, eine Mischung aus Devine und Hape Kerkeling (nicht optisch, aber in der Diktion) und l\u00e4dt die Kinder zur Fress-Orgie ein. H\u00e4nsel bei\u00dft an und stopft Burger und Sahnetorten bis zum Koma in sich hinein. Till Lindeman singt im Video ein fr\u00f6hliches Lied dazu, frisst mit und spuckt zum Schluss \u00fcberlebensgro\u00df alles wieder aus, in Richtung Publikum. \u201eEntweder sie ziehen sich nackt aus oder sie machen dies\u201c, kommentiert dort jemand das Geschehen. Pause.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1082\" aria-describedby=\"caption-attachment-1082\" style=\"width: 1000px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-1082\" src=\"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/Haensel-und-Gretel-Thalia-1.jpg\" alt=\"H\u00e4nsel und Gretel Thalia Theater\" width=\"1000\" height=\"655\" srcset=\"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/Haensel-und-Gretel-Thalia-1.jpg 1000w, http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/Haensel-und-Gretel-Thalia-1-300x197.jpg 300w, http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/Haensel-und-Gretel-Thalia-1-768x503.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1082\" class=\"wp-caption-text\">H\u00e4nsel und Gretel Thalia Theater<\/figcaption><\/figure>\n<p>Zu Beginn der zweiten Halbzeit hat sich H\u00e4nsel in eine total verfettete Version seiner selbst verwandelt und kann von der\/dem Hexe nur noch per Flaschenzug aus seinem Sitz gehoben werden, um ihn in eine bereit gestellte Wanne verfrachten. In dieser soll der gem\u00e4stete H\u00e4nsel im Ofen gebraten werden, aber Gretel schafft es, ihren Bruder hinauszuziehen und stattdesse die Hexe in die Wanne zu schubsen, von wo sie im Ofen verschwindet.<\/p>\n<p>Grete und der fette H\u00e4nsel laufen davon. Aus dem Off ert\u00f6nt dann bald Lindemanns Stimme, der verk\u00fcndet, dass Gretel nun in einen Stein verwandelt werde, da H\u00e4nsel sich mit seiner V\u00f6llerei daneben benommen habe. Die Maus aus dem anderen M\u00e4rchen (Rafael Stachowiak) erkl\u00e4rt H\u00e4nsel, wie es sich mit der Liebe und dem Werben der Geschlechter umeinander verh\u00e4lt. Die Motive aus verschiedenen M\u00e4rchen laufen nun zusehend durcheinander. Ein totel verfetteter nackter H\u00e4nsel, unter dessen dickem Bauch ein kleiner Zipfel h\u00e4ngt, hadert mit der Welt, einige junge Frauen im Publikum kichern, Zwischendurch gibt es die Lindemann-Lieder, in verschiedenen Stilen. Melancholisch oder gewaltig oder auch mal als Moritat in optischer Westernromantik.<\/p>\n<p>Am Ende der Vorstellung kommt die Familie aber irgendwie wieder zusammen. Es gibt Abendbrot, als w\u00e4re nichts gewesen.<\/p>\n<p>Mehr Worte als n\u00f6tig werden bei dieser Auff\u00fchrung nicht gemacht, aber Stimmung. Die beiden litauischen Regisseure setzen vor allem auf grelle Lichteffekte in einem d\u00fcsteren B\u00fchnenbild &#8211; und auf die Musik von Till Lindemann.<\/p>\n<p>Die recht schrille Version der Grimm\u2018s M\u00e4rchen kam im Feuilleton nicht so gut an, erreichte aber das Publikum, das diesmal durchaus etwas j\u00fcnger war als sonst. Nach der Auff\u00fchrung gab es Jubel und sogar einen Anflug von Standing Ovations. Wer die Vorstellungswelt und \u00c4sthetik von Rammstein gewohnt ist, dem wird auch dieser M\u00e4rchenvortrag gut gefallen. Die Musik wird ein Jahr nach der Premiere, im April 2019, \u00fcbrigens auf einem Album des Lindemann-Projekts erscheinen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Regie:\u00a0Ene-Liis Semper,\u00a0Tiit Ojasoo<\/p>\n<p>B\u00fchne, Kost\u00fcme und Video:\u00a0Tiit Ojasoo,\u00a0Ene-Liis Semper<\/p>\n<p>Komposition:\u00a0Jakob Juhkam,\u00a0Till Lindemann,\u00a0Peter T\u00e4gtgren,\u00a0Clemens Wijers<\/p>\n<p>Musikalische Leitung:\u00a0Jakob Juhkam<\/p>\n<p>Songtexte und Gesang:\u00a0Till Lindemann<\/p>\n<p>Kamera:\u00a0Martin Prinoth,\u00a0Rasmus Rienecker,\u00a0Lilli Thalgott<\/p>\n<p>Dramaturgie :\u00a0Sandra K\u00fcpper<\/p>\n<p>Darsteller:\u00a0Kristof Van Boven,\u00a0Till Lindemann,\u00a0Bj\u00f6rn Meyer, Tim Porath,\u00a0Natalia Rudziewicz ,\u00a0Gabriela Maria Schmeide,\u00a0Rafael Stachowiak<\/p>\n<p>Lichtdesign Bertil Mark,\u00a0Associated Lightingdesign &amp; Lightingdirector Justus Molthan<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"mh-excerpt\"><p>Wie w\u00fcrde wohl die teutonische Brachial-Rockband Rammstein ein Konzept-Album mit der Geschichte von den ausgesetzten Kindern H\u00e4nsel und Gretel verwirklichen? 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