{"id":1086,"date":"2018-06-10T23:07:34","date_gmt":"2018-06-10T21:07:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/?p=1086"},"modified":"2018-06-17T16:10:55","modified_gmt":"2018-06-17T14:10:55","slug":"die-orestie-alles-ratten","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/2018\/06\/10\/die-orestie-alles-ratten\/","title":{"rendered":"Die Orestie: alles Ratten"},"content":{"rendered":"<h2>Aischylos: Die Orestie<\/h2>\n<p>Die Orestie ist eine unglaublich gewaltt\u00e4tige Geschichte von Rache und Gegenrache, die sich \u00fcber mehrere Generationen hinzieht, mit einer unendlichen Reihe von Abscheulichkeiten und Tabubr\u00fcchen, darunter Kannibalismus, Mord, Inzest und Ehebruch. Ihren Ursprung findet die Geschichte schon weit vor der Zeit der Protagonisten des Dramas in drei St\u00fccken.<\/p>\n<p>Die Orestie setzt mit dem Bericht der Rache des Atreus an seinem Bruder Thyestes ein. Dieser hatte mit Artreus\u2018 Frau Aerope Ehebrauch begangen. Artreus t\u00f6tete seine Neffen, die Kinder des Thyestes, und setzte seinem Bruder das gebratene Fleisch als Mal vor. Die Missetaten setzten sich in der n\u00e4chsten Generation fort, mit Artreus\u2018 S\u00f6hnen Agamemnon und Menelaos, denn das Geschlecht der Artriden ist schon seit der Untaten seiner Vorfahren verflucht. So soll Menelaos Helena heiraten, doch diese brennt zuvor mit Paris durch, wird \u201egeraubt\u201c, wie es in der offiziellen Diktion der Griechen hei\u00dft. Agamemnon trommelt ein Heer zusammen, um gegen Troja zu ziehen und die Braut seines Bruders zur\u00fcckzuholen. Da er aber auf der Jagd eine heilige Hirschkuh der Artemis erlegt hat, bestraft die G\u00f6ttin ihn und das zum Auslaufen bereite griechische Heer mit Windstille. Artemis verlangt ein S\u00fchneopfer. Agammnon gehorcht und opfert seine Tochter Iphigenie, damit die Griechen lossegeln k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>In Agamemnons Abwesenheit nimmt sich dessen Frau Klytaimnestra Aigystes, den Sohn und gleichzeitig Enkelsohn (Inzest!), des Thyestes zum Liebhaber und l\u00e4sst ihn auf dem Thron ihres Mannes sitzen. In Wirklichkeit ist alles sogar noch viel komplizierter, mit einer langen Vorgeschichte und vielen Nebengeschichten. Schlie\u00dflich kehrt Agamemnon nach zehn Jahren heim.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1088\" aria-describedby=\"caption-attachment-1088\" style=\"width: 1000px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-1088\" src=\"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/DSC01356.jpg\" alt=\"Aischylos: Orestie\" width=\"1000\" height=\"615\" srcset=\"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/DSC01356.jpg 1000w, http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/DSC01356-300x185.jpg 300w, http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/DSC01356-768x472.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1088\" class=\"wp-caption-text\">Aischylos: Orestie<\/figcaption><\/figure>\n<p>Die dreist\u00fcndige Inszenierung des jungen Regiestars Ersan Mondtag, eigentlich: Ersan Ayg\u00fcn, am Thalia-Theater h\u00e4lt sich verbl\u00fcffend nah am Original. Das St\u00fcck beginnt laut mit einem Lamento der Protagonisten, die auf der B\u00fchne einen Kreis gebildet haben, umgeben von der Kulisse eines antiken Theaters. In dessen Fenster stehen antike Statuen. Griechenland, also. Die Schauspieler aber stecken in Fellen, tragen wilde helle Per\u00fccken auf dem Kopf und lange Schnauzen mit Tasthaaren auf ihren Nasen, mit kleinen runden roten Brillengl\u00e4sern. Die antiken Griechen sind ein Rattenvolk? Iphigenie (Oda Thormeyer) in rosa und Orest (Sebastian Zimmler) in blau stechen etwas heraus, die Tochter und der Sohn in den tradietionellen Farben f\u00fcr den weiblichen und m\u00e4nnlichen Nachwuchs. Das sieht aber auch ein bisschen auch wie &#8222;Teletubbies&#8220; aus.<\/p>\n<p>Die Vorgeschichte wird erz\u00e4hlt, dann l\u00e4sst die Kulisse, das antike Theater-Tuch, ihre Maske fallen und die runde Auffahrt eines Parkhauses wird sichtbar. Darin steht das Volk, der Chor, kommentiert nun vielstimmig oder singt. Sp\u00e4ter dreht sich die Kulissen und wird auch noch zur Fassade eines sozialen Wohnungsbaus, mit kleinen bunten, aber unn\u00fctzen Balkonen und den obligatorischen Satelliten-Empfangssch\u00fcsseln an den W\u00e4nden.<\/p>\n<p>Iphigenie wird geopfert. Klytaimnestra ist erbost &#8211; wer will es ihr verdenken -, dass ihre Tochter f\u00fcr \u201edie Hure Helene\u201c geopfert wurde. Ihre zweite Tochter Elektra &#8211; Bj\u00f6rn Meyer im roten Strampler mit Hydra-Frisur &#8211; wird wie eine Magd gehalten, so klagt er\/sie. \u00a0Agamemnon kehrt schlie\u00dflich heim und bringt die blinde Seherin Kassandra mit, im Original seine M\u00e4tresse, hier aber ein Baby im K\u00f6rbchen. Klytaimnestra und Aigyst bringen Agamemnon nun \u201eim Bade\u201c um. Eine Tat, f\u00fcr die sie viele gute Gr\u00fcnde haben, glauben sie. Orest kehrt aus der Verbannung heim und nimmt nun seinerseits Rache an seiner Mutter, aufgestachelt von seiner Schwester Elektra. Mit dem Hackebeilchen huscht er durch die Kulisse, die hier zum Kasperletheater wird, t\u00f6tet die untreue und m\u00f6rderische Mutter und deren Liebhaber. F\u00fcr diese Tat wird er von den Erinyen gehetzt.<\/p>\n<p>Aischylos\u2018 Orestie stellt 2500 Jahre nach seiner Urauff\u00fchrung hohe Anspr\u00fcche an das Publikum. Die Geschichte von Mord und Tatschlag und unz\u00e4hligen Missetaten, von denen jede durch die vorherigen begr\u00fcndet ist, bietet eigentlich als antikes Splatter-Movie reichlich Kitzel und Spannung. Aischylos wurde f\u00fcr seine Orestie sogar mit einem antiken Theaterpreis ausgezeichnet. Heute aber wirkt der Vortrag akademisch und damit langweilig. Woran liegt es? Der Text kommt in Reih\u2018 und Glied daher und man hat den Eindruck, dass damit Ehrfurcht und Respekt vor dem ehrw\u00fcrdigen Original erzeugt werden soll. Und aus Angst vor dem verstaubten Theater-Museumsst\u00fcck steckt der Regisseur seine Schauspieler in diese Schutzanz\u00fcge. Der Versuch des augenzwinkernden Schabernacks prallt am Textk\u00f6rper ab. Anglisten behaupten, dass die Langeweile von der deutschen Version ausgeht, anscheinend auch in der gelobten neueren \u00dcbersetzung von Walter Jens. Im Englischen bliebe die Spannung des griechischen Originals erhalten.<\/p>\n<p>Zur Pause haben etliche Zuschauer die Gelegenheit genutzt und das Theater verlassen. Einige Zuschauer, Freibeuter, von den billigen Pl\u00e4tzen sind in nun den vorderen Bereich des Zuschauraumes gezogen und versuchen dort f\u00fcr die zweite H\u00e4lfte bessere Sitzpl\u00e4tze zu kapern, als jene, f\u00fcr die sie bezahlt haben. Aber welche sind verwaist und welche nicht? An einigen Pl\u00e4tzen entbrennt ein Kampf um den besseren Zugang zur Kultur, als versp\u00e4tet erscheinende Altbesitzer ihre Pl\u00e4tze zur\u00fcckhaben m\u00f6chten und f\u00fcr diese Anma\u00dfung von Revoluzzern flegelhaft ob ihres \u201eSozialneides\u201c beschimpft werden.<\/p>\n<p>Bevor es hier zum \u00c4u\u00dfersten kommt, beginnt auf der B\u00fchne der zweite Teil des antiken Dramas.\u00a0 Die Artriden habe sich inzwischen ihrer Rattenfelle entledigt und treten nun in engen schwarzen Anz\u00fcgen und pechschwarzen Per\u00fccken auf. Das wirkt wie aus einem Science-Fiction-Film der 1960er Jahre. Um dem ewigen Kreislauf von Rache und Gegenrache zu entkommen wird unter der Leitung der Stadtg\u00f6ttin Athene ein Gerichtshof einberufen. Aus Selbstjustiz wird Demokratie. Soll Orest als letzter \u00fcberlebender T\u00e4ter bestraft werden? F\u00fcr und wider wird erl\u00e4utert. Den Pl\u00e4doyers folgt der Urteilsspruch. Das Volk soll abstimmen. Letztlich entscheidet aber Athene doch, wie sie will \u2013 eine Anspielung auf den Regierungsstiel unserer ewigen Kanzlerin? \u2013 und schenkt dem Beklagten die Freiheit. Tats\u00e4chlich ist es lohnend, die Idee der Demokratie gem\u00e4\u00df ihrem Gr\u00fcndungsmythos mit ihrem Zustand hier und heute, \u201eim Land, in dem wir gut und gerne leben\u201c, zu vergleichen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Regie: Ersan Mondtag<\/p>\n<p>Musik: Max Andrzejewski<\/p>\n<p>B\u00fchne: Paula Wellmann<\/p>\n<p>Kost\u00fcme: Josa Marx<\/p>\n<p>Dramaturgie: Matthias G\u00fcnther<\/p>\n<p>Darsteller: Marie L\u00f6cker (Klytaimestra\/Erinye), Bj\u00f6rn Meyer (Elektra), Thomas Niehaus (Chaos), Paul Schr\u00f6der (Aigisth\/Erinye), Andr\u00e9 Szymanski (Agamemnon\/Apollon), Oda Thormeyer und Cath\u00e9rine Seifert (Threnos\/Athene, alternierend), Sebastian Zimmler (Orest)<\/p>\n<p>B\u00fcrgerchor: Marie L\u00f6cker, Bj\u00f6rn Meyer, Thomas Niehaus, Paul Schr\u00f6der, Cath\u00e9rine Seifert\/Oda Thormeyer, Andr\u00e9 Szymanski, Sebastian Zimmler<\/p>\n<p>Gesangschor: Charlotte Becher, Lars B\u00f6ttcher, Andreas Bracht, Johanna Maria Braun, Marianne Bruhn, Franziska Buchner (Solistin Sopran 2), Martin Conrad, Meral Dere, Minou Djalili, Ines Eberlein (Solistin Alt 1), Marta Frankenberg Garcia, Clemens Heise, Pauline Jacob (Solistin Alt 2), Annika Jan\u00dfen, Ev Joost, Regine Jungemann, Marja Kaiser, Norbert Kijak, G\u00fcnter Kochan, Kasimir Krzesinski, Jens K\u00fchlbrey, Dustin Leitol, Harald Lieber, Charlotte Lindig, Michael Pehle, Gratian Permien, Ann-Kathrin Quednau, Inga Renz, Helena Rowinski, Marvin Sawatzki, Judith Schwendiger, Michaela Tr\u00f6ster, M\u00e5lin Uschkureit, J\u00fcrgen Weiler, Qiong Wu (Solistin Sopran 1)<\/p>\n<p>Chorleitung\/Gesangseinstudierung: Uschi Krosch<\/p>\n<p>Ger\u00e4usch-Design: Florian M\u00f6nks<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"mh-excerpt\"><p>Aischylos: Die Orestie Die Orestie ist eine unglaublich gewaltt\u00e4tige Geschichte von Rache und Gegenrache, die sich \u00fcber mehrere Generationen hinzieht, mit einer unendlichen Reihe von <a class=\"mh-excerpt-more\" href=\"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/2018\/06\/10\/die-orestie-alles-ratten\/\" title=\"Die Orestie: alles Ratten\">[&#8230;]<\/a><\/p>\n<\/div>","protected":false},"author":1,"featured_media":1087,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1,30],"tags":[287,286,277,139,282,283,269,288,285,138,126,284],"class_list":["post-1086","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-allgemein","category-theater","tag-aischylos","tag-andre-szymanski","tag-bjoern-meyer","tag-catherine-seifert","tag-ersan-mondtag","tag-marie-loecker","tag-oda-thormeyer","tag-orestie","tag-paul-schroeder","tag-sebastian-zimmler","tag-thalia-theater","tag-thomas-niehaus"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1086","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1086"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1086\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1090,"href":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1086\/revisions\/1090"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1087"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1086"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1086"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1086"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}