{"id":1136,"date":"2018-10-01T00:18:15","date_gmt":"2018-09-30T22:18:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/?p=1136"},"modified":"2018-10-01T00:18:16","modified_gmt":"2018-09-30T22:18:16","slug":"orpheus-am-thalia-theater","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/2018\/10\/01\/orpheus-am-thalia-theater\/","title":{"rendered":"Orpheus am Thalia Theater"},"content":{"rendered":"\n<p>Die Geschichte von Orpheus und Eurydike ist eine der bekanntesten Mythen der Antike. Der begnadete S\u00e4nger Orpheus trifft auf seiner Reise mit den Argonauten auf die Nymphe Eurydike. Sie verlieben sich ineinander, heiraten und sind das gl\u00fccklichste Paar ihrer Zeit. Als Eurydike f\u00fcr ihren Mann auf dem Feld Blumen pfl\u00fccken will, wird sie vom Gott Aristaios verfolgt, der sie vergewaltigen will. Auf der Flucht wird sie von einer Schlange gebissen und stirbt. In der Vorstellung der Antike werden die Toten in das Reich des Gottes Hades und seiner Frau Persephone, in die Unterwelt geschafft. In seinem gro\u00dfen Kummer folgt Orpheus seiner verstorbenen Frau dorthin, r\u00fchrt mit seinem bet\u00f6renden Gesang die Herzen und erwirkt bei Persephone die Erlaubnis, seine Frau wieder zur\u00fcck in die Welt der Lebenden zu f\u00fchren. Hades verlangt allerdings, dass Orpheus sich nicht umdrehen darf, w\u00e4hrend Eurydike ihm folgt. Doch Orpheus handelt gegen das Gebot, als er Eurydikes Schritte nicht mehr h\u00f6rt, dreht sich nach ihr um und verliert seine Frau f\u00fcr immer. <br\/>In seiner sehr freien Inszenierung des Stoffes am Thalia Theater stellt Regisseur Antu Romero Nunes die erste Begegnung von Orpheus und Eurydike und ihr Verlieben ineinander an den Anfang der Geschichte. Orpheus ist hier eine Frau, dargestellt von Lisa Hagemeister, Eurydike \u2013 Marie L\u00f6cker \u2013 ist nicht nur aus dem Titel des Mythos verschwunden, hier ist auch noch taubstumm. Den bezaubernden Gesang ihres Liebhabers Orpheus kann sie nicht h\u00f6ren und liebt ihn nur um seiner selbst, nicht weil er ein Star ist. Die Darstellung der Liebe zwischen den beiden Frauen geschieht wortlos auf einer fast leeren B\u00fchne, nur ein Klavier f\u00e4hrt im Halbdunkel im Kreis herum. Orpheus singt Chansons und spanische Schlager. Die Musik dazu zum St\u00fcck kommt live aus dem Orchestergraben und stammt von Anna Bauer und Johannes Hofmann. Orpheus sitzt bald auf dem Klavier, spielt mit den F\u00fc\u00dfen. Sp\u00e4ter dient das Musikm\u00f6bel als Paravent, wenn sich das Frauen-Paar dahinter ihrer Liebe hingibt. <br\/>Schlie\u00dflich treten die G\u00f6tter auf. Nein, sie kriechen aus dem Dunkel herbei, so wie die Orks im Film \u201eHerr der Ringe\u201c oder eine Gruppe Untoter aus der Zombie-Serie \u201eThe Walking Dead\u201c. Wei\u00df eingekalkt, irgendwie fremd, erinnern sie in ihrem Erscheinungsbild bisweilen an das, was sie eigentlich sind &#8211; Statuen, Bilder einer antiken Vorstellungswelt, hier als eine reine M\u00e4nnergesellschaft. Die G\u00f6tter stellen sich tanzend und l\u00e4rmend vor: Sebastian Zimmler als Dionysos, Beti Latifi als Hermes, Sven Schelker als Apollon und Bj\u00f6rn Meyer als Amor Pascal Houdos als Obergott Zeus. Jeder von ihnen verk\u00f6rpert ein anderes Prinzip: Amor steht f\u00fcr Hedonismus, Gef\u00fchle und das gro\u00dfe Fest, der G\u00f6tterbote Hermes reist im Postpaket und liefert auch Eurydike am Bestimmungsort ab. Apollon beschw\u00f6rt die Kraft der Liebe und Sch\u00f6nheit. F\u00fcr Dionysos ist und wird alles zum Rausch. Und Zeus ist pure Kraft und Gewalt. Eine gro\u00dfe Gruppe T\u00e4nzer kommt hinzu und verwandelt die B\u00fchne zusammen mit den Herren G\u00f6ttern nun in eine gro\u00dfe wummernde Rave-Party mit ekstatischem Tanz. Zwei Lichtkegel formen ein gro\u00dfes helles X. Eines von vielen beeindruckenden Bildern an diesem Abend. Am Ende f\u00e4llt Zeus \u00fcber Eurydike her, vergewaltigt sie hinter dem gleichen Klavier, hinter dem sie sich mit Orpheus geliebt hatte, und tritt sie tot. Der \u00dcbergang ins Totenreich, eigentlich wird Eurydike dorthin verschleppt, wird in einem weiteren starken Bild verdeutlicht. Der Grenzfluss Styx ist eine Plastikplane, \u00fcber die Tote gest\u00fclpt. Darunter stehend ist sie f\u00fcr den trauernden Orpheus nicht mehr erreichbar. Nach und nach kommt das Wort ins Spiel. Die Figuren fangen an zu sprechen, allen voran die G\u00f6tter. Aber auch Eurydike hat im Totenreich Stimme und Geh\u00f6r bekommen und redet einen belanglosen Wortschwall in bairischer Mundart. Doch im Wesentlichen kreisen die Texte um existentielle Dinge \u2013 die Liebe, die Sch\u00f6nheit, Reden und Schweigen und das Ende jeder menschlichen Existenz, den Tod. Nietzsche und Schiller, der Comte des Lautr\u00e9amont und einige weitere Denker werden zitiert. Der Mensch als Spielball der G\u00f6tter gezeigt, die \u00fcber sein Geschick nach Belieben bestimmen. Dionysos tr\u00e4gt Eurydike wie eine Schaufensterpuppe von der B\u00fchne, dann wieder zur\u00fcck. <\/p>\n\n\n\n<p><br\/>Schlie\u00dflich kommt Orpheus auf einem Kinderfahrrad mit montiertem Mikrophon und f\u00e4hrt singend in die Unterwelt ein. Dem Zerberus hat er mit seinem Gesang die Stimme zum Bellen geraubt. \u201eSchau dich nicht um!\u201c, ruft Eurydike. Das Licht geht aus und das Publikum glaubt, mit dem Kernsatz sei das St\u00fcck zu Ende und feiert schon die Darsteller und die Inszenierung. Aber es ist noch nicht zu Ende. Unsere G\u00f6ttergesellschaft macht noch Sp\u00e4\u00dfe in Zeitlupe und schlie\u00dflich wird die antike Geschichte ordnungsgem\u00e4\u00df zu Ende gespielt. Eurydike darf gehen. Beim \u00dcbergang vom Jenseits ins Diesseits verliert sie wieder ihre Stimme und ihr Geh\u00f6r. Orpheus h\u00f6rt sie nicht mehr und dreht sich um.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1500\" height=\"1000\" src=\"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/Orpheus.jpg\" alt=\"Orpheus am Thalia Theater\" class=\"wp-image-1139\" srcset=\"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/Orpheus.jpg 1500w, http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/Orpheus-300x200.jpg 300w, http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/Orpheus-768x512.jpg 768w, http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/Orpheus-1024x683.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 1500px) 100vw, 1500px\" \/><figcaption>Orpheus, eine musische Bastardtrag\u00f6die<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Der Orpheus-Mythos bewegt sich in der Inszenierung des Thaliatheaters als ausdruckstarke und bildgewaltige Musik-und Tanzperformance zwischen verschiedenen Spannungspolen und diskutiert dabei mit Zitaten aus der europ\u00e4ischen Geistesgeschichte Grundfragen menschlicher Existenz. Besonders dort, wo das Spiel auf die Bewegung und das Bild setzt, ist sie besonders beeindruckend. Am Ende wurden die Darsteller, T\u00e4nzer und Musiker vom Publikum ausgiebig gefeiert.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed-youtube wp-block-embed is-type-rich is-provider-handler-einbetten\">\n<iframe loading=\"lazy\" title=\"Trailer Orpheus - Eine musische Bastardtrag\u00f6die\" width=\"500\" height=\"281\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/x7iYEP-n74M?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe>\n<\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Orpheus<\/strong><br\/>Eine musische Bastardtrag\u00f6die frei nach dem Mythos<\/p>\n\n\n\n<p>Regie: Ant\u00fa Romero Nunes<br\/>Ausstattung: Jennifer Jenkins und Matthias Koch<br\/>Musik: Johannes Hofmann (Leitung) und Anna Bauer<br\/>Choreographie: Eyal Dadon<br\/>Dramaturgie: Christina Bellingen<br\/>Darsteller: Lisa Hagmeister, Pascal Houdus, Bekim Latifi, Marie L\u00f6cker, Bj\u00f6rn Meyer, Sven Schelker, Sebastian Zimmler.<br\/>T\u00e4nzerinnen und T\u00e4nzer: Joao Assmann, Lena Bone\u00df, Nora Elberfeld, Victoria Gonz\u00e1lez Ch\u00e1vez, Moe Gotoda, Ida Horlyck, Nana Anine Jorgensen, Kristina Schleicher, Sophia Sch\u00f6nert, Elvan Tekin, Tirza Ben Zvi.<br\/>Live-Musiker: Anna Bauer, Carolina Bigge, Natascha Protze, Kerstin Sund, Anita W\u00e4lti<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"mh-excerpt\"><p>Die Geschichte von Orpheus und Eurydike ist eine der bekanntesten Mythen der Antike. Der begnadete S\u00e4nger Orpheus trifft auf seiner Reise mit den Argonauten auf <a class=\"mh-excerpt-more\" href=\"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/2018\/10\/01\/orpheus-am-thalia-theater\/\" title=\"Orpheus am Thalia Theater\">[&#8230;]<\/a><\/p>\n<\/div>","protected":false},"author":1,"featured_media":1138,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[30],"tags":[312,313,277,314,283,267,138,315,126],"class_list":["post-1136","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-theater","tag-antu-romero-nunes","tag-bekim-latifi","tag-bjoern-meyer","tag-lisa-hagmeister","tag-marie-loecker","tag-pascal-houdus","tag-sebastian-zimmler","tag-sven-schelker","tag-thalia-theater"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1136","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1136"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1136\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1140,"href":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1136\/revisions\/1140"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1138"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1136"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1136"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1136"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}