{"id":1238,"date":"2018-12-05T20:43:32","date_gmt":"2018-12-05T19:43:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/?p=1238"},"modified":"2018-12-10T20:27:06","modified_gmt":"2018-12-10T19:27:06","slug":"lazarus-schauspielhaus","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/2018\/12\/05\/lazarus-schauspielhaus\/","title":{"rendered":"Lazarus (Schauspielhaus)"},"content":{"rendered":"\n<p>Im Jahr 1976 drehte Nicholas Roeg (&#8222;Wenn die Gondeln Trauer tragen&#8220;) mit David Bowie den Film &#8222;Der Mann, der vom Himmel fiel&#8220;. Ein Au\u00dferirdischer kommt auf der Suche nach Wasser f\u00fcr seinen verw\u00fcsteten Heimatplaneten auf die Erde. Er nimmt die Gestalt der Menschen an, wird dank seiner \u00fcberlegenen Intelligenz ein erfolgreicher Unternehmer und baut einen m\u00e4chtigen Konzern auf, mit dessen Hilfe er das Wasser der Erde auf seinen Planeten schaffen will. Er verliebt sich auf der Erde jedoch in die brave Kleinstadt bewohnerin Mary-Lou. Neider enth\u00fcllen seine wahre Identit\u00e4t, Mary-Lou zeigt sich schockiert dar\u00fcber, Newton verl\u00e4sst sie. Nach und nach zerbricht er an der Herz- und Gef\u00fchllosigkeit des American Way of Life. Der Film ist gespickt mit Anspielungen auf die Kunstgeschichte und vermittelt in seiner experimentellen Bildsprache das Lebensgef\u00fchl der 1970er Jahre. Der Engl\u00e4nder David Bowie, im Film mit orange gef\u00e4rbten Haaren und in unterschiedlichen Farben leuchtenden Augen, zu jener Zeit kokains\u00fcchtig, blass und abgemagert an einem schwierigen Punkt seines Lebens, war die androgyne Idealbesetzung f\u00fcr einen Alien, einen Fremden, im Land er unbegrenzten M\u00f6glichkeiten.<br>David Bowie, im Januar 2016 im Alter von 69 Jahren verstorben, schrieb kurz vor seinem Tod zusammen mit dem irischen Dramatiker Enda Walsh an den Film ankn\u00fcpfend das Musical &#8222;Lazarus&#8220;. Urspr\u00fcnglich sollte der Film mit Songs von David Bowie unterlegt werden, doch Roeg entschied sich f\u00fcr einen anderen Soundtrack. Lazarus kn\u00fcpft einerseits an den Film an, ist aber auch eine eigene Umsetzung der literarischen Vorlage von Walter Tevis (Originaltitel: &#8222;The Man Who Fell to Earth&#8220;), nun aber mit Songs von David Bowie, zum gr\u00f6\u00dften Teil seine Hits wie &#8222;This is not America&#8220;, &#8222;The Man who sold the World&#8220;, &#8222;Changes&#8220;,&#8220;Absolute Beginners&#8220;, &#8222;Life on Mars?&#8220; und einigen eigens f\u00fcr das Musical neukomponierten Songs.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Alien Thomas Newton lebt zur\u00fcckgezogen unter den Menschen, schaut sich auf einer Videowand eine Vielzahl von Fernsehprogrammen gleichzeitig an und ist bester Kunde an seiner eigenen Bar. Seine Mission, Rettung des Planeten Anthea, hat er l\u00e4ngst aus den Augen verloren. Als Unsterblicher leidet er an seiner ewigen Existenz auf der trostlosen Erde. In einer Mischung aus Realit\u00e4t, Erinnerung und Fieberwahn umgeben ihn die Figuren seiner Lebensgeschichte. Die biedere Haush\u00e4lterin Mary-Lou \u2013 Julia Wieninger \u2013 verwandelt sich unter der eifers\u00fcchtigen Beobachtung ihres Mannes \u2013 Thomas Mehlhorn \u2013 in der N\u00e4he von Newton allm\u00e4hlich in einen Vamp. Doch Newton verst\u00f6\u00dft sie am Ende. Ein engelhaftes M\u00e4dchen ohne eigene Identit\u00e4t \u2013 Gala Othero Winter \u2013 , von Newton als Produkt seiner Fantasie angesehen, erscheint und bietet sich als Retterin an, indem sie ihm &#8222;Hoffnung&#8220; vermittelt, und hilft an seinem Raumschiff weiter zu bauen. Doch &#8222;Valentine&#8220; \u2013 Tillman Strau\u00df \u2013 , der sich als Schutzheiliger der Liebenden ausgibt, in Wirklichkeit jedoch der Teufel ist, sorgt daf\u00fcr, dass Newton sie ersticht. Zum Schluss erklimmt Newton aber doch gemeinsam mit ihr die Spitze des Felsens in der Mitte des Garten Edens und singt die Pop-Hymne&#8220;Heroes&#8220; mit dem Refrain:<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;We can be Heroes, &nbsp;just for one day&#8220; &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Als Schlussbild erscheint im Hintergrund des Paares einStern &#8211; &#8222;Blackstar&#8220; war der Titel des letzten Bowie-Albums bevor er starb.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer den Film und die Geschichte nicht kennt, der wird dieDarstellung im Hamburger Schauspielhaus als wirr empfinden, aber das soll wohl auch so sein. Zun\u00e4chst werden auf einer Videowand unz\u00e4hlige Schnipsel der Zeitgeschichte erz\u00e4hlt, altes und neues. US-Geschichte, Kennedy und Reagan, Krawalle sind zu sehen, wie die im Hamburger Schanzenviertel beim G20-Gipfel 2016, Schl\u00fcsselmomente der j\u00fcngeren Geschichte, aufgeteilt auf eine Vielzahl parallel gezeigter Videoclips. Hinter der Videowand r\u00fcckt dann eine Art Garten Eden in den Mittelpunkt, in dessen Zentrum befindet sich ein Felsen. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1500\" height=\"1016\" src=\"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/DSC05162-1.jpg\" alt=\"B\u00fchnenbild Lazarus\" class=\"wp-image-1242\" srcset=\"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/DSC05162-1.jpg 1500w, http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/DSC05162-1-300x203.jpg 300w, http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/DSC05162-1-768x520.jpg 768w, http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/DSC05162-1-1024x694.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 1500px) 100vw, 1500px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Gelegentlich wird das B\u00fchnenbild gedreht und so k\u00f6nnen die Figuren entweder aus einer Felsenlandschaft oder einem Dschungel hervor kommen oder dort umhertollen. Alexander Scheer ist Thomas Newton und zugleich David Bowie, weithin erkennbar mit seinen leuchtend orangenen Haaren. Er beginnt im Morgenrock und entflieht seiner Apathie mit dem ersten gesungenen Song. Die Musik kommt live von einer Band auf der B\u00fchne, in ihren Glitzerkost\u00fcmen an Abba erinnernd. Scheers gesangliche Interpretation, Gesten und Mimik, manchmal mit br\u00fcchiger Stimme, wirken authentisch. Sein Vorbild hat er gut studiert. <\/p>\n\n\n\n<p>Der &#8222;Lazarus&#8220; im Hamburger Schauspielhaus ist eine ehrf\u00fcrchtigeHommage an David Bowie, aber auch der k\u00fcnstlerische Abgesang eines Sterbenden. Die Darstellerwechseln sich im Vortrag der Bowie-Songs ab und alle sind \u00fcberzeugend. Auch inder bunten und glitzernden Inszenierung von Falk Richter gibt es unz\u00e4hlige Zitate und Verweise.Sachiko Hara kommt als japanische No-Figur \u2013 niemand spielt Japanerinnen so\u00fcberzeugend wie sie \u2013 und verwandelt sich mit gelben Overall undSamurai-Schwert in Uma Thurman, um sp\u00e4ter als Braut und Yoko Ono erneut zuerscheinen. Dann rennen Pussy Riot-Aktivisten mit &#8222;Fuck S\u00f6der&#8220;-T-Shirts \u00fcber die B\u00fchne. Am Rande des Felsens, vor schwarzem Hintergrund, taumeln in Zeitlupe, scheinbar schwerelos, Astronauten \u2013 Erinnerung an die seinerzeit live in die ganze Welt \u00fcbertragene und eigentlich doch v\u00f6llig nutzlosen Mondlandungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das St\u00fcck lebt von den bunten bewegten Bildern und noch mehrvom Vortrag der wohl bekannten und intensiven Songs aus der Feder desverstorbenen David Bowie \u2013jedes St\u00fcck hat seine eigene Geschichte. Am Endejubelt das Hamburger Publikum lang und ausdauernd mit stehenden Ovationen denSchauspielern, der Inszenierung, aber auch dem toten David Bowie zu.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1500\" height=\"962\" src=\"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/DSC05177.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1241\" srcset=\"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/DSC05177.jpg 1500w, http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/DSC05177-300x192.jpg 300w, http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/DSC05177-768x493.jpg 768w, http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/DSC05177-1024x657.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 1500px) 100vw, 1500px\" \/><figcaption>Standing Ovations im Schauspielhaus<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Lazarus von David Bowie und Enda Walsh<\/p>\n\n\n\n<p>Regie: Falk Richter<br>\nB\u00fchne: Katrin Hoffmann<br>\nKost\u00fcme: Andy Besuch<br>\nMusikalische Leitung: Alain Croubalian<br>\nLicht: Hartmut Litzinger<br>\nVideo: Chris Kondek<br>\nDramaturgie: Rita Thiele<\/p>\n\n\n\n<p>Darsteller: Yorck Dippe, Sachiko Hara, Jonas Hien, Thomas\nMehlhorn, Alexander Scheer, Tilmann Strau\u00df, Julia Wieninger, Gala Othero\nWinter; <br>\n<br>\nTeenage Girls (Choreographie und Tanz): Johanna Lemke, Chris Scherer, Nina\nWollny<\/p>\n\n\n\n<p>Band: Sonja Beeh, Kay Buchheim, Hanns Clasen, Alain\nCroubalian, Bernadette La Hengst, Stephan Krause, Rebecca Oehms, Samantha\nWright.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"mh-excerpt\"><p>Im Jahr 1976 drehte Nicholas Roeg (&#8222;Wenn die Gondeln Trauer tragen&#8220;) mit David Bowie den Film &#8222;Der Mann, der vom Himmel fiel&#8220;. 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