{"id":1408,"date":"2019-04-02T22:27:13","date_gmt":"2019-04-02T20:27:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/?p=1408"},"modified":"2019-04-11T22:46:33","modified_gmt":"2019-04-11T20:46:33","slug":"kleists-penthesilea","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/2019\/04\/02\/kleists-penthesilea\/","title":{"rendered":"Kleists Penthesilea"},"content":{"rendered":"\n<p>Heinrich von Kleist wurde 1777 als f\u00fcnftes Kind und \u00e4ltester Sohn seines Vaters in einer alten preu\u00dfisch-pommerschen Adelsfamilie in Frankfurt\/Oder geboren. \u00a0Insgesamt hatte Heinrich von Kleist sechs Geschwister und Halbgeschwister aus zwei Ehen seines Vaters. Dieser starb, als Heinrich von Kleist zehn Jahre alt war. Heinrich von Kleist wuchs nun in der Pension des deutsch-franz\u00f6sischen Theologen und P\u00e4dagogen Samuel Heinrich Catel in Berlin auf und wurde von diesem auch unterrichtet. \u00a0Im Juni 1792, mit 14 Jahren, trat Kleist der Tradition seiner Familie folgend in den Milit\u00e4rdienst ein. Er nahm im folgenden Jahr schon am Rheinlandfeldzug Preu\u00dfens gegen Frankreich teil. In diesem Jahr starb auch seine Mutter. 1795 kehrte das Regiment nach Potsdam zur\u00fcck. 1799 nahm Kleist zugunsten einer \u201efreien Geistesbildung\u201c seinen Abschied aus der preu\u00dfischen Armee und studierte nun an der Universit\u00e4t in Frankfurt\/Oder Physik und Mathematik und h\u00f6rte Vorlesungen \u00fcber Philosophie, Kulturgeschichte und Naturrecht. Er verlobte sich mit der Generalstochter Wilhelmine von Zenge. Nach drei Semestern brach er sein Studium jedoch ab und nahm eine Stelle als Volont\u00e4r im preu\u00dfischen Wirtschaftsministerium in Berlin an, um damit den W\u00fcnschen der Familie seiner Verlobten nach einer Aufgabe im Staatsdienst zu entsprechen. Im Auftrag des Ministeriums reiste Kleist vermutlich als Wirtschaftspion umher und hielt sich dabei unter anderem l\u00e4nger in W\u00fcrzburg auf. 1801 reiste Kleist mit seiner Schwester Wilhelmine \u00fcber Dresden nach Paris. Durch die Ideen Rousseaus angeregt, plante er jetzt ein Leben als einfacher Bauer. Da seine Verlobte ihm auf diesem Weg nicht folgen wollte, l\u00f6ste er die Verlobung auf. Kleist lebte eine Zeit lang bei einem Jugendfreund in der Schweiz, kehrte dann zeitweise nach Deutschland zur\u00fcck und besucht dann ein weiteres Mal Paris. 1802 ver\u00f6ffentlichte er sein ersten Drama, \u201eDie Familie Schroffenstein\u201c. Von 1804 bis 1807 befand Kleist sich erneut in preu\u00dfischem Staatsdienst, in Berlin und K\u00f6nigsberg, orientierte sich dann jedoch wieder in Richtung Schriftstellerei. 1806 wurde Kleist zeitweilig von den Franzosen unter Spionagevorwurf in einem Gefangenenlager festgehalten. Nach der Freilassung traf er in Dresden einige \u201eromantisch\u201c orientierte K\u00fcnstler, wie Ludwig Tieck oder Casper David Friederich, und gab seit 1808 zusammen mit dem Geschichtsphilosophen Adam Heinrich M\u00fcller das \u201eJournal f\u00fcr die Kunst &#8211; Ph\u00f6bus\u201c \u00a0heraus, allerdings nur f\u00fcr zwei Jahre. Im ersten Heft erschien das \u201eFragment aus dem Trauerspiel: Penthesilea\u201c. Johann Wolfgang von Goethe reagierte auf das St\u00fcck\u00a0nach der Zusendung mit Unverst\u00e4ndnis und Ablehnung. Kleist reiste weiter umher, traf in Berlin den Autorenkreis um Achim von Arnim, Clemens Brentano und Joseph von Eichendorff. Von 1810 bis 1811 gab Kleist mit Beteiligung zahlreicher namhafter Autoren die Berliner Abendbl\u00e4tter heraus, die aber nach Eingriffen der Zensur bald wieder eingestellt wurden. Kleist bem\u00fchte sich nun wieder, aber vergebens, um eine Anstellung im preu\u00dfischen Staatsdienst. Eine Zeit lang konnte Heinrich von Kleist noch vom Erl\u00f6s aus dem Verkauf des Familienbesitzes leben, von dem er ein Siebtel erhalten hatte. Doch zumeist plagten ihn Geldnot und der Kampf ums \u00dcberleben. Zum Schluss schrieb er Bitt-und Bettelbriefe. <\/p>\n\n\n\n<p>Als K\u00fcnstler fand er keine Anerkennung, obwohl er mit St\u00fccken wie \u201eDer zerbrochene Krug\u201c (1803-1806, uraufgef\u00fchrt 1808 in Weimar),\u201eAmphitryon\u201c (1807, uraufgef\u00fchrt 1899 in Berlin), \u201ePenthesilea\u201c (1808, uraufgef\u00fchrt 1876 in Berlin), \u201eDas K\u00e4thchen von Heilbronn\u201c (1807-1808, uraufgef\u00fchrt 1810 in Wien), \u201eDie Hermannsschlacht\u201c (1808, uraufgef\u00fchrt 1860 in Breslau), \u201ePrinz Friederich von Homburg\u201c (1809-1811, uraufgef\u00fchrt 1821 in Wien) nach heutigen Ma\u00dfst\u00e4ben als Dramatiker ebenso begabt war \u00a0wie als Erz\u00e4hler. Seine Prosaver\u00f6ffentlichungen \u201eMichael Kohlhaas\u201c (1808, 1810) oder \u201eDie Marquise von O\u2026\u201c gelten heute ebenso wie die genannten St\u00fccke als Klassiker der deutschen Literatur. Am 21. November brachte Heinrich von Kleist sich zusammen mit der unheilbar kranken Henriette Vogel um. Er erschoss mit ihrem Einverst\u00e4ndnis erst sie, dann sich.<\/p>\n\n\n\n<p>Im St\u00fcck Penthiselea thematisiert Kleist den Kampf der Geschlechter einerseits und den Konflikt zwischen individueller Freiheit und gesellschaftlichen Zwang andererseits. Als Stoff diente ihm die Sage um den Frauenstaat der Amazonen.\u00a0\u00a0\u00a0 <\/p>\n\n\n\n<p>Penthiselea,\u00a0 K\u00f6niginder Amazonen, erscheint pl\u00f6tzlich mit ihrem Frauenheer vor Troja und greift gegen beide Seiten in den Kampf ein. Dabei verliebt sie sich in den G\u00f6ttersohn Achill, der auf Seiten der Griechen k\u00e4mpft. Gem\u00e4\u00df den Gesetzen des Frauenstaates, muss sie Achill im Kampf bezwingen, um ihn lieben zu d\u00fcrfen. Sie unterliegt jedoch und f\u00e4llt dabei in Ohnmacht. Achill, der sich ebenfalls in Penthiselea verliebt hat, macht ihr zun\u00e4chst Glauben, sie h\u00e4tte ihn besiegt. Penthiselea will ihn als Gefangenen in die Hauptstadt der Amazonen f\u00fchren. Als Achill ihr sp\u00e4ter die Wahrheit sagt, ist Penthiselea entsetzt. Achill fordert sie erneut zum Kampf, in der Absicht, sich von ihr besiegen zu lassen. Doch die Amazonenk\u00f6nigin versteht seine Absicht nicht, f\u00fchrt den Kampf wie im Rausch und zerfleischt den verwundeten Achill schlie\u00dflich zusammen mit ihren Hunden. <\/p>\n\n\n\n<p>Kleists Zeitgenossen hielten sein St\u00fcck \u201ePentheselea\u201c wegen seiner Kampfszenen und der archaischen Gewaltbeschreibungen f\u00fcr unauff\u00fchrbar. In seiner Inszenierung f\u00fcr die Salzburger Festspiele reduzierte Johan Simons das St\u00fcck auf einen Dialog der beiden Hauptpersonen, Achill und Phentesilea, dargestellt von zwei \u00fcberragenden Schauspielern, Jens Harzer und Sandra H\u00fcller. Die B\u00fchne ist w\u00e4hrend der Auff\u00fchrung in Dunkel getaucht und verzichtet auf jedes Detail. Die meiste Zeit stehen die beiden Darsteller in langen grauen R\u00f6cken gekleidet auf einer Lichtfl\u00e4che, die sie von unten beleuchtet, und erz\u00e4hlen sich und dem Publikum,was vorgefallen ist. Dabei verlassen sich die beiden Schauspieler ganz auf ihre Darstellungskunst, und entbl\u00f6\u00dfen sich im Spiel zum Teil auch bis auf die Haut. Kleine Gesten, die virtuose Bewegung ihrer K\u00f6rper mit-und gegeneinander erz\u00e4hlen die Geschichte auf berauschende Weise mit. Am Ende des zweist\u00fcndigen Vortrags, der auch den Zuschauern ein hohes Ma\u00df an Konzentration abverlangte, gab es f\u00fcr die Leistung der beiden Mimen im Hamburger Thalia-Theater tosenden und langanhaltenden Applaus. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"mh-excerpt\"><p>Heinrich von Kleist wurde 1777 als f\u00fcnftes Kind und \u00e4ltester Sohn seines Vaters in einer alten preu\u00dfisch-pommerschen Adelsfamilie in Frankfurt\/Oder geboren. \u00a0Insgesamt hatte Heinrich von <a class=\"mh-excerpt-more\" href=\"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/2019\/04\/02\/kleists-penthesilea\/\" title=\"Kleists Penthesilea\">[&#8230;]<\/a><\/p>\n<\/div>","protected":false},"author":1,"featured_media":1409,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1,30],"tags":[401,404,402,405,126],"class_list":["post-1408","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-allgemein","category-theater","tag-heinrich-von-kleist","tag-jens-harzer","tag-penthesilea","tag-sandra-hueller","tag-thalia-theater"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1408","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1408"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1408\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1410,"href":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1408\/revisions\/1410"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1409"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1408"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1408"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1408"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}