{"id":1558,"date":"2019-10-29T22:08:17","date_gmt":"2019-10-29T21:08:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/?p=1558"},"modified":"2019-10-29T22:08:19","modified_gmt":"2019-10-29T21:08:19","slug":"koenig-lear-am-hamburger-schauspielhaus","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/2019\/10\/29\/koenig-lear-am-hamburger-schauspielhaus\/","title":{"rendered":"K\u00f6nig Lear am Hamburger Schauspielhaus"},"content":{"rendered":"\n<p>Nach drei Stunden (Pause inklusive), waren fast alle tot. Zumindest auf der B\u00fchne. Die von Karin Beier inszenierte Fassung von K\u00f6nig Lear spielt in einem grauen schmucklosen Kasten, der schr\u00e4g auf die B\u00fchne gesetzt wurde, so dass die Darsteller aufw\u00e4rts steigen m\u00fcssen, wenn sie sich in den hinteren Bereich der B\u00fchne bewegen, und darauf achten m\u00fcssen, nicht von der B\u00fchne in die Zuschauer zu st\u00fcrzen, \u00a0wenn sie sich abw\u00e4rts in Richtung B\u00fchnenrand bewegen. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Geschichte ist diese: Der alte und schon etwas wunderliche K\u00f6nig Lear ist seines Amtes m\u00fcde und will sein Reich an seine T\u00f6chter aufteilen. Vorher sollen sie ihm noch einmal erz\u00e4hlen, wie sehr sie ihn lieben und was er f\u00fcr ein toller Typ ist. Seine beiden \u00e4lteren T\u00f6chter Goneril und Regan kommen der selbstgef\u00e4lligen Bitte nach und erhalten ihren Anteil. Die j\u00fcngste Tochter Cordelia findet den Wunsch des Vaters albern, verweigert sich und wird versto\u00dfen. Ihr Anteil wird unter den anderen beiden T\u00f6chtern aufgeteilt. Mit seinem treuen Gefolgsmann Kent \u00fcberwirft K\u00f6nig Lear sich ebenfalls und verbannt auch diesen. Aus Treue gegen\u00fcber seinem Herrn kehrt er jedoch verkleidet zu seinem K\u00f6nig zur\u00fcck.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p>Als \u201eAltenteil\u201c hat sich K\u00f6nig Lear von seinen beiden \u00e4lteren T\u00f6chtern ausbedungen, mit seiner Leibgarde von 100 Mann im monatlichen Wechsel mal bei dieser, mal bei jener Tochter in deren Schl\u00f6ssern zu leben. Er beginnt ihnen aber bald l\u00e4stig zu werden. Nachdem er sich mit Goneril zerstritten hat, zieht Lear vorzeitig zu Regan. Diese hat den Boten ihres Vaters jedoch den Bock schlie\u00dfen lassen und empf\u00e4ngt den K\u00f6nig im Ruhestand \u00fcberhaupt nur widerwillig. Lear wird nur noch von seinem verkleideten Gefolgsmann Kent und vor allem von seinem Narren unterst\u00fctzt. Letzterer wirft dem fr\u00fcheren K\u00f6nig in seinem Narrenkost\u00fcm unverbl\u00fcmt die Wahrheiten an den Kopf und vermittelt ihm auf diese Weise, wer hier der Idiot ist. Manfred Mans Melodie und Textzeile \u201cHa! Ha! Said the clown, has the king lost his crown\u201d, wird zum Leitmotiv und des mehr als einmal zitiert.<\/p>\n\n\n\n<p>In einer Parallelgeschichte intrigiert der uneheliche Sohn des Grafen Gloucester, Edmund, mit Erfolg gegen seinen Halbbruder und ehelichen Sohn des Grafen Edgar. Gloucester, Berater des K\u00f6nigs, f\u00e4llt auf die Intrige rein, verst\u00f6\u00dft seinen Sohn Edgar und erkl\u00e4rt ihn f\u00fcr vogelfrei. Edgar entledigt sich seiner Kleidung, um wenigstens als wahnsinniger Bettler Tom of Bedlam im Land weiterleben zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>K\u00f6nig Lear wird aus dem Schloss geworfen und irrt, inzwischen halb wahnsinnig, mit einem Narren und Kent bei Unwetter in der Heide umher. Gloucester will ihm helfen, wird aber von Edmund an Goneril und Regan verraten und bestraft. Nun beginnt es blutig zu werden. Goneril schl\u00e4gt Gloucester mit dem Absatz ihres Schuhs die Aug\u00e4pfel aus. Gloucester macht sich blind auf den Weg nach Dover, weil dort ein franz\u00f6sisches Heer unter der F\u00fchrung von Corderia erwartet wird. Unterwegs trifft er seinen Sohn Edgar, der sich aber nicht zu erkennen gibt. <\/p>\n\n\n\n<p>Edmund hat inzwischen mit Goneril und Regen gleichzeitig angebandelt und macht beiden sch\u00f6ne Augen. Die Schwestern werden zu Rivalinnen im Kampf um die Gunst des Grafen und vergessen dar\u00fcber den gemeinsamen Feind, die Franzosen mit ihrer Schwester Corderia an der Spitze. Schlie\u00dflich kommt es zur Schlacht, in der \u201edie B\u00f6sen\u201c alle zu Tode kommen, aber auch Corderia. Die Gerechten \u00fcberleben, haben aber nichts davon. <\/p>\n\n\n\n<p>In Katrin Beiers Inszenierung sorgt ein starkes Ensemble f\u00fcr einen gro\u00dfartigen Theaterabend. Goneril (Carlo Ljubeck) und Regan (Samuel Weiss) werden von M\u00e4nnern gespielt, wie zu Shakespeares Zeiten, als die Frauen in England nicht auf die B\u00fchne durften. Manchmal wird das aber doch zu Charlies Tante. Lina Beckmann ist als Cordelia etwas blass, was an der Figur liegt, als Narr famos und immer pr\u00e4sent, auch wenn sie gerade keinen Text hat und im Hintergrund steht. F\u00fcr Kontrast zu den m\u00e4nnlichen Frauen sorgt Sandra Gerling als weiblicher Mann. Sie gibt dem Edmund viel Schw\u00e4rze und K\u00e4lte. In den Liebesszenen heben die Frau als Mann und die M\u00e4nner als Frauen die Gendergrenzen auf. Chef in der Box ist Edgar Selge als King Lear. Starke Pr\u00e4sens zeigt auch Fabian Kr\u00fcger als versto\u00dfener Sohn Edgar. Er springt in seiner schwierigen Rolle die meiste Zeit nackt auf der B\u00fchne herum, eingekalkt, an diesem Abend f\u00fcr Jan-Peter Kampwirth eingesprungen, aber \u00fcberaus rollensicher. Auf dem Weg in den Wahnsinn folgt ihm Edgar Selge zum Ende hin in gleicher Aufmachung nach. Den Darstellern wird wahrlich alles abverlangt, den beiden auch die Kleidung. Dem einst m\u00e4chtigen K\u00f6nig (und Vater) bleibt zum Ende von seiner einstigen Macht und Gr\u00f6\u00dfe nichts, als das blo\u00dfe und nackte Menschsein.<\/p>\n\n\n\n<p>Gelegentlich sorgen helle Scheinwerfer vor der B\u00fchne f\u00fcr hohe Schattenw\u00fcrfe der Figuren an die W\u00e4nde und damit f\u00fcr Expressionismus. Auch die starke Livemusik, mit Akiko Kasai am Klavier <br>schafft filmreife Atmosph\u00e4re. Die Musikerin holt bisweilen auch reichlich untypische Kl\u00e4nge und Ger\u00e4usche aus ihrem Instrument und vertont alleine die ganze gro\u00dfe Schlacht am Ende des Dramas.<\/p>\n\n\n\n<p> Der alte Shakespearetext kam modernisiert und ein paar Figuren wurden auch eingespart. So waren es kurzweilige drei Theaterstunden.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed-youtube wp-block-embed is-type-video is-provider-youtube wp-embed-aspect-16-9 wp-has-aspect-ratio\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<iframe loading=\"lazy\" title=\"Trailer &quot;K\u00f6nig Lear&quot;\" width=\"500\" height=\"281\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/Fr3AH9CXCpc?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe>\n<\/div><\/figure>\n\n\n\n<p style=\"text-align:left\">K\u00f6nig Lear, Schauspielhaus<\/p>\n\n\n\n<p>Regie: Karin Beier <br>\nB\u00fchne und Kost\u00fcme: Johannes Sch\u00fctz <br>\nKost\u00fcmmitarbeit: Astrid Klein <br>\nMusik J\u00f6rg Gollasch<br>\nLicht: Annette ter Meulen <br>\nTon: Shorty Gerriets, Lukas Koopmann <br>\nDramaturgie: Christian Tschirner <br>\nChoreographische Mitarbeit: <br>\nValenti Rocamora i Tora <br>\nArtistik Trainer: Jevgenij Sitochin<\/p>\n\n\n\n<p>Darsteller: Lina Beckmann, Sandra Gerling, Fabian Kr\u00fcger(f\u00fcr\nJan-Peter Kampwirth, Matti Krause, Carlo Ljubek, Maximilian Scheidt, Edgar\nSelge, Ernst St\u00f6tzner, Samuel Weiss <br>\nMusikerinnen: Yuko Suzuki, Akiko Kasai<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"mh-excerpt\"><p>Nach drei Stunden (Pause inklusive), waren fast alle tot. 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