{"id":689,"date":"2017-05-07T21:47:46","date_gmt":"2017-05-07T19:47:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/?p=689"},"modified":"2017-07-01T20:43:27","modified_gmt":"2017-07-01T18:43:27","slug":"die-wehleider-am-deutschen-schachspielhaus-hamburg","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/2017\/05\/07\/die-wehleider-am-deutschen-schachspielhaus-hamburg\/","title":{"rendered":"&#8222;Die Wehleider&#8220; am Deutschen Schauspielhaus, Hamburg"},"content":{"rendered":"<p>Der Schweizer Christoph Marthaler ist Regisseur des St\u00fcckes &#8222;Die Wehleider&#8220;, das in der aktuellen Spielzeit 2016\/17 im Hamburger Schauspielhaus seine Urauff\u00fchrung fand, am 2. Dezember 2016, um genau zu sein. Marthaler hat Musik studiert, kommt von der Musik, bevor er begann, erst in Basel und dann ab 1993 auch schon in Hamburg, am Deutschen Schauspielhaus, Theater zu inszenieren. Seitdem hat er hier regelm\u00e4\u00dfig Regie gef\u00fchrt. Marthaler verbindet gerne Sprechtheater mit Musik und so ist Musik auch wichtiger Bestandteil\u00a0 im St\u00fcck &#8222;Die Wehleider&#8220;.<br \/>\nF\u00fcr &#8222;Die Wehleider&#8220; wurde die B\u00fchne des ehrw\u00fcrdigen Deutschen Schauspielhauses in eine Turnhalle verwandelt, die sehr sachlich und etwas abgerockt wirkt und einen scharfen Kontrast zum sonstigen barocken Pl\u00fcsch des Schauspielhauses bietet. W\u00e4hrend die Zuschauer ihre nummerierten Pl\u00e4tze aufsuchen, wird auf der B\u00fchne, in der Turnhalle also, schon sauber gemacht und aufger\u00e4umt. Dann geht im Zuschauerraum das Licht aus und in der R\u00fcckwand der Turnhalle \u00f6ffnen sich zwei T\u00fcren. Die Akteure des St\u00fcckes str\u00f6men herein, die Titelhelden, die Wehleider. Sie alle haben Decken umgeh\u00e4ngt, so als ob sie gerade aus dem Mittelmeer gefischt worden w\u00e4ren, wie die Migranten, die jedes Jahr zu Zigtausenden von der Menschenschlepperindustrie an den nordafrikanischen K\u00fcsten oder in der T\u00fcrkei rostigen K\u00e4hnen oder gar Schlauchbooten \u00fcber das Mittelmeer Richtung Europa geschickt werden.<br \/>\nNach dem Einzug werden die Akteure von einer die Halle umgebenden Empore von einer \u201eAnstaltsleitern\u201c begr\u00fc\u00dft, dargestellt von Irm Herrmann. Die einstige Fa\u00dfbender-Schauspielerin liebt skurrile und schr\u00e4ge Filme und Rollen und hat unter anderem auch mit Herbert Achternbusch und Christoph Schlingensief gedreht. Auch in diesem St\u00fcck f\u00fchlt sie sich sichtbar wohl.<br \/>\nDie Zuschauer erfahren, dass die G\u00e4ste sich zu einem Seminar zwecks Abbau ihrer \u00c4ngste hier versammelt haben, in einem Ausweichquartier, das eigentlich f\u00fcr die Unterbringung von Fl\u00fcchtlingen vorgesehen war, nun aber, da die Zahl der Fl\u00fcchtlinge st\u00e4ndig zur\u00fcck gehe, von einer Medizinischen Tr\u00e4gergesellschaft mit mehreren Gesch\u00e4ftsfeldern f\u00fcr diesen Zweck verwendet werde. Namen haben die G\u00e4ste keine, aber sie verk\u00f6rpern verschiedene Typen und auch Nationen. Neben Deutsch wird vom internationalen Ensemble Franz\u00f6sisch, Englisch und Spanisch gesprochen \u2013 es gr\u00fc\u00dft Europa, sogar die ganze &#8222;westliche Welt&#8220; &#8211; Josef Ostendorf ist hergerichtet wie Donald Trump. Die Japanerin Sachiko Hara spielt passenderweise eine Japanerin und wird sp\u00e4ter kurz \u00fcber den aktiveren Darm der Asiaten referieren. Die G\u00e4ste werden dann bald recht ruppig von drei dynamischen M\u00e4nnern mit &#8222;s\u00fcdl\u00e4ndischem Aussehen&#8220; zu Boden geworfen und b\u00e4uchlings auf Matten gelegt. Einigen werden die H\u00e4nde auf den R\u00fccken gelegt, wie gefesselt \u2013 offenbar eine Anspielung auf das US-Gef\u00e4ngnis Guantanamo, in dem die USA au\u00dferhalb ihres Landes und ihrer Gesetze Menschen festhalten, die sie des Terrorismus beschuldigen. \u00a0Nicht nur hier\u00a0 tauschen Migranten und europ\u00e4ische Ureinwohner die Rollen, die &#8222;Neub\u00fcrger\u201c treten sp\u00e4ter in Anz\u00fcgen auf und die, &#8222;die schon l\u00e4nger hier wohnen&#8220; (Zitat Angela Merkel, aber im St\u00fcck kommt das nicht vor) in abgerissenen Klamotten. Die Nachtruhe wird eingel\u00e4utet. Die Seminarteilnehmer beginnen im Liegen zu deklamieren \u2013 nicht immer ist das gut im Publikum zu verstehen, wenn sie in\u00a0Richtung Decke sprechen \u00a0&#8211; sie seufzen und sie jammern \u00fcber vermeintliche Ungerechtigkeiten, die ihnen widerfahren sind, alles Banalit\u00e4ten. Dieses Ritual des Jammerns\u00a0wird im Verlauf des Abends noch ein paarmal\u00a0wiederholt.<\/p>\n<h2>Update zu Gorkis Sommerg\u00e4ste<\/h2>\n<p>&#8222;Die Wehligen\u201c ist das Update zu Maxim Gorkis St\u00fcck &#8222;Sommerg\u00e4ste&#8220; aus dem Jahr 1904. Dort treffen sich die Vertreter der russischen &#8222;Bourgeoisie&#8220;, wie man sie abwertend nannte,\u00a0in der Sommerfrische, faulen dekadent, saft- und kraftlos vor sich hin und jammern ebenfalls, w\u00e4hrend die kommende russische Revolution der Arbeiter und Bauern am Horizont allm\u00e4hlich heraufd\u00e4mmert. Wenige Jahre sp\u00e4ter wird die ganze b\u00fcrgerliche Kaste in Russland vom Lauf der Geschichte hinweg gesp\u00fclt. Gorki und seine Zeitgenossen hielten es f\u00fcr Fortschritt. Heute wissen wir, dass die ganze Idee Unsinn war und in eine Sackgasse f\u00fchrte. Zur Therapie zwecks Abbaus von \u00c4ngsten und Depressionen geh\u00f6ren auch Turn\u00fcbungen. Die Vertreter des b\u00fcrgerlichen Europas k\u00f6nnten gar nichts davon bew\u00e4ltigen \u2013 so die Botschaft &#8211; , w\u00fcrden ihnen nicht Einwanderer als Arbeitskr\u00e4fte, hier die drei Helfer der Klinik mit migrantischem Aussehen buchst\u00e4blich unter die Arme greifen. Diese turnen im St\u00fcck immer mal durch die Halle und strahlen Kraft, \u00a0Jugendlichkeit und Dynamik aus. Sie h\u00e4ngen die alten M\u00e4nner an die von der Decke baumelnden \u00a0Ringe und sorgen daf\u00fcr, dass diese ein paar \u00dcbungen wenigstens simulieren k\u00f6nnen, indem sie von den Helfern auf und ab gehoben werden. \u00a0Ohne die Migranten (Fl\u00fcchtlinge!) geht also gar nichts.<br \/>\nDas St\u00fcck dauert\u00a0 zwei\u00a0 Stunden und 15 Minuten und wird in einem Rutsch ohne Pause durchgespielt. Langeweile kommt nie auf. Manche Szenen sind sehr witzig, so wie die ungelenken Turn\u00fcbungen oder eine Szene, die an eine Tanzschule aus der Schulzeit erinnert. M\u00e4nner auf der einen, Frauen auf der anderen Seite. Man n\u00e4hert sich nur sehr z\u00f6gerlich und sch\u00fcchtern, bis die Paare sich endlich zu einem allerdings\u00a0ungelenken Tanzritual finden.<\/p>\n<h2>Viel Musik<\/h2>\n<p>Zwischendurch gibt es viel Musik und es wird gesungen. Kirchenlieder, wie Bachs &#8222;Alle Menschen m\u00fcssen sterben\u201c:<\/p>\n<p>Alle Menschen m\u00fcssen sterben,<br \/>\nalles Fleisch ist gleich wie Heu;<br \/>\nwas da lebet, mu\u00df verderben,<br \/>\nsoll es anders werden neu.<\/p>\n<p>Auch das Schweizer Volkslied &#8222;Oh Mensch, du musst sterben\u201c, st\u00f6\u00dft ins gleiche Horn:<\/p>\n<p>Mensch, du musst sterben und wei\u00dft gar nicht, wann,<br \/>\nMensch, du musst leben und wei\u00dft nicht, wie lang,<br \/>\nMensch, du musst leben und wei\u00dft nicht, wie lang.<\/p>\n<p>F\u00fcr Heiterkeit sorgt hingegen ein Medley mit Hits des deutschen Gesangsduos\u00a0&#8222;Modern Talking\u201c aus den 1980er Jahren. Clemens Sienknecht singt es und brilliert mit seinen musikalischen F\u00e4higkeiten. Zwischendurch spricht er auch mal Texte\u00a0nach Art\u00a0der\u00a0Werbeindustrie und preist sein Casio-Keyboard an.<br \/>\nAls\u00a0letzte Szene wird\u00a0ein Schaulaufen der Darsteller geboten, die wie auf dem Catwalk \u00fcber die B\u00fchne wandeln,\u00a0sich nach und nach entbl\u00e4ttern, dabei stolz ins Publikum blicken, w\u00e4hrend ihre unverh\u00fcllte J\u00e4mmerlichkeit zum Vorschein kommt. Schlie\u00dflich betten sie sich auf einen aufgeschichteten M\u00fcllhaufen zum ihrem eigenem und zum Ende des St\u00fcckes.<br \/>\nIm Programmheft steht ein Text von Umberto Eco. Migration sei\u00a0ein nicht zu kontrollierendes Naturph\u00e4nomen, schreibt er, und sehr viel weitgehender als Immigration. Hier wandern nur einige Menschen in ein anderes Land ein, dort wechseln ganze V\u00f6lker ihr Siedlungsgebiet. Immigration sei politisch kontrollierbar, Migration nicht. In &#8222;Die Wehleider&#8220; wechselt das St\u00fcck zwischendurch in die Zukunft und Entscheider berichten einem aus dem Off zu h\u00f6renden Richter des Internationalen Gerichtshofes \u00fcber die K\u00e4mpfe an den europ\u00e4ischen Au\u00dfengrenzen zwischen 2018 und 2024.<\/p>\n<p>Dem Publikum wird der Spiegel vorgehalten und der kommende baldige Untergang prophezeit. Es applaudiert trotzdem brav, man h\u00f6rt vereinzelt sogar &#8222;Bravo&#8220;-Rufe.\u00a0Fl\u00fcchtlinge sitzen im Publikum nat\u00fcrlich keine. Migranten aber auch nicht. Sprechtheater ist eine europ\u00e4ische Erfindung und Bestandteil der europ\u00e4ischen Kultur. Anderswo wei\u00df man nichts damit anzufangen. Die andere Welt ist \u00fcbrigens nicht weit vom Deutschen Schauspielhaus entfernt. Auf dem Bahnhofsvorplatz tummeln sich ihre Vertreter und vertreiben\u00a0die Zeit nach ihrem Geschmack. Noch ein paar Meter weiter, in der Steinstra\u00dfe, hat der Orient schon lange Einzug gehalten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"mh-excerpt\"><p>Der Schweizer Christoph Marthaler ist Regisseur des St\u00fcckes &#8222;Die Wehleider&#8220;, das in der aktuellen Spielzeit 2016\/17 im Hamburger Schauspielhaus seine Urauff\u00fchrung fand, am 2. 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