{"id":751,"date":"2017-05-29T00:42:35","date_gmt":"2017-05-28T22:42:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/?p=751"},"modified":"2017-06-30T23:06:50","modified_gmt":"2017-06-30T21:06:50","slug":"751","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/2017\/05\/29\/751\/","title":{"rendered":"1985: Marc Moreland und Wall of Voodoo"},"content":{"rendered":"<p>Anfang der 1980er Jahre \u2013 kurz nach Erfindung des Rades, aber wir wussten nicht, dass wir in der digitalen Steinzeit lebten \u2013 verbreitete sich die VHS-Videokassette auch in Deutschland. Wer einen der noch ziemlich teuren Videorekorder besa\u00df, konnte Filme aus dem Fernsehen aufnehmen \u2013 heute kaum vorstellbar, dass man damals solchen Aufwand trieb, um einen Film zu besitzen \u2013 oder Filme abspielen, zum Beispiel \u201eUrgh, a Music War\u201c. W\u00e4hren die Japaner n\u00e4mlich die VHS-Kassette entwickelten, erfanden die Amerikaner die Punk-Musik. Gruppen wie The Stooges, die New York Dolls, Ramones oder die Dead Kennedy spielten den Rock\u2019n Roll sehr, sehr schnell und sehr rauh. Malcolm McLaren brachte das nach England, suchte sich vier Musiker, nannte diese Sex Pistols, was anz\u00fcglich war, und den Stil \u201ePunk\u201c. Punk bedeutete unter anderem, dass man nur wenige Akkorde konnte. Das war nicht etwa ein Mangel, sondern wurde zum Programm erkl\u00e4rt. Punk war praktisch der Kern einer neuen musikalischen Jugendbewegung, aber auch ein schwarzes Loch, in dem viele Musiker als Drogentote verschwanden. Drumherum entwickelten sich viele neue musikalische Spielarten. Manche wollten nicht den alten Rockschei\u00df spielen, aber mehr als drei Akkorde. Und man begann, mit den ersten Personal-Computern zu experimentieren. Die jungen Leute hatten den langhaarigen Altrockern den musikalischen Krieg erkl\u00e4rt. Die langhaarigen Programmdirektoren der \u00f6ffentlich-rechtlichen Musiksender brauchten \u00fcbrigens einige\u00a0Jahre, um das auch mitzubekommen.<br \/>\n\u201eUrgh! \u2013 A Music War\u201c war eine Konzertfilm von Derek Burbidge. Der Name des Regisseurs war uns damals v\u00f6llig egal, nicht aber die Musik der neuen Gruppen, die dort gezeigt wurden -die Cr\u00e8me de la Cr\u00e8me der neuen Bewegung: Dead Kennedys, The Cramps, Oingo Boingo, XTC, Devo, Echo &amp; the Bunnymen, Orchestral Manouvres in the Dark, Toyah, Au Pairs, Fleshtones. Einige Gruppen waren schon recht popul\u00e4r, wie The Police, andere wirklich schr\u00e4g, wie Pere Ubu oder Klaus Nomi, der als Deutscher in New York einen fr\u00fchen Aidstod starb. Nein- eigentlich waren die meisten Bands v\u00f6llig durchgeknallt: Devo traten mit eine Art Blumentopf auf dem Kopf auf, und gelben Overalls. Das wurde dann zu ihrem Markenzeichen. Der Film war eigentlich ein Kinofilm, erschien 1982 und zeigte Aufnahmen aus dem Jahr 1980. Sp\u00e4ter wurde der Film auf VHS kopiert. Inzwischen war 1985, Klaus Nomi schon seit zwei Jahren tot. Einen besonders beeindruckenden Auftritt hatte die US-Gruppe Wall of Voodoo. Schon der Name der Band klang geheimnisvoll. Der S\u00e4nger, Stan Ridgeway, sang in nasalem S\u00fcdstaaten-Timbre. Die vier Instrumentalisten drum herum schienen einem eigenen Plan zu folgen, jeder f\u00fcr sich. Trotzdem machte das Ganze Sinn. Es klang wie Country &amp; Western, aber nur manchmal.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/Z3Yko86EYmM\" width=\"640\" height=\"360\" frameborder=\"0\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\"><\/iframe><\/p>\n<p>Dann driftete der Sound ab, es gab seltsame Nebenger\u00e4usche. Marc Moreland peitschte seine Gitarrre. Man nannte das dann Cowpunk. Als Urgh! auf VHS erschien, gab es Wall of Voodoo aber in dieser Besetzung schon gar nicht mehr. Daf\u00fcr ging die Band nach Europa auf Tournee.<\/p>\n<p>Dies ist eine der wenigen Live-Aufnahmen in recht guter Qualit\u00e4t, aus dem Jahr 1982:<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/SHAYvT3luX8\" width=\"640\" height=\"360\" frameborder=\"0\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\"><\/iframe><\/p>\n<p>Stan Ridgeway hatte Mitte der 1970er Jahre in Hollywood eine Firma f\u00fcr Filmmusik gegr\u00fcndet, Acme Soundtracks. Das B\u00fcro lag gleich gegen\u00fcber eines Punkklubs. Dort er traf Ridgeway Marc Morland, Gitarrist der Punkband The Skulls. Moreland und Ridgway entschlossen sich eine eigene Band zu gr\u00fcnden, Wall of Voodoo. Moreland holte seinen j\u00fcngerer Bruder Bruce hinzu, der Bass spielte. Chas T. Gray bediente das Keyboard und Joe Nanini sa\u00df am Schlagzeug. 1980 nahmen Wall of Voodoo eine EP auf, die eine sehr spezielle und morbide Cover-Version des Johny Cash Songs \u201eRing of Fire enthielt\u201c. 1981 folgte eine LP (=Langspielplatten aus Vinyl) namens \u201eDark Continent\u201c. Auf Liveauftritten spielte die Band Coverversionen von Ennio Moricones Westernmusik, aus The Good, the Bad and the Ugly, zum Beispiel.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/wLd_L1XiFOg\" width=\"640\" height=\"360\" frameborder=\"0\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\"><\/iframe><\/p>\n<p>Mit der n\u00e4chsten LP \u201eCall of the West\u201c, die auch den Song Mexican Radio enthielt, wurde Wall of Voodoo einigerma\u00dfen bekannt. Mexican Radio schaffte es in den Mainstram und wurde in den USA sogar ein Top 100 Hit. Heute ist der Song ein Klassiker.<\/p>\n<p>I feel a hot wind on my shoulder<br \/>\nAnd the touch of a world that is older<br \/>\nI turn the switch and check the number<br \/>\nI leave it on when in bed I slumber<\/p>\n<p>I hear the rhythms of the Music<br \/>\nI buy the product and never use it<br \/>\nI hear the talking of the DJ<br \/>\nCan&#8217;t understand, just what does he say?<\/p>\n<p>I&#8217;m on a Mexican radio<br \/>\nI&#8217;m on a Mexican (whoa) Radio<\/p>\n<p>I dial it in and tune the station<br \/>\nThey talk about the U.S. inflation<br \/>\nI understand just a little<br \/>\n[No comprende], it&#8217;s a riddle<\/p>\n<p>I&#8217;m on a Mexican radio<br \/>\nI&#8217;m on a Mexican (whoa) Radio<br \/>\nI&#8217;m on a Mexican radio<br \/>\nI&#8217;m on a Mexican (whoa) radio<\/p>\n<p>I wish I was in Tijuana<br \/>\nEating barbecued iguana<br \/>\nI&#8217;d take requests on the telephone<br \/>\nI&#8217;m on a wavelength far from home<\/p>\n<p>I feel a hot wind on my shoulder<br \/>\nI dial it in from south of the border<br \/>\nI hear the talking of the DJ<br \/>\nCan&#8217;t understand, just what does he say?<\/p>\n<p>I&#8217;m on a Mexican radio<br \/>\nI&#8217;m on a Mexican (whoa) Radio<br \/>\nI&#8217;m on a Mexican Radio<br \/>\nI&#8217;m on a Mexican (whoa) radio<\/p>\n<p>Radio, radio Radio, radio<br \/>\nRadio, radio Radio, radio<\/p>\n<p>I&#8217;m on a Mexican radio<br \/>\nI&#8217;m on a Mexican (whoa) radio<br \/>\nI&#8217;m on a Mexican radio<br \/>\nI&#8217;m on a Mexican (whoa) radio<\/p>\n<p>Radio, radio What does he say?<br \/>\nRadio, radio Radio, radio Radio, radio&#8230;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/eyCEexG9xjw\" width=\"640\" height=\"360\" frameborder=\"0\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\"><\/iframe><\/p>\n<p>Der einzige komplette Konzertmitschnitt, soweit ich wei\u00df, ist dieser hier:<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/tZ0H3gqwhMQ\" width=\"640\" height=\"360\" frameborder=\"0\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\"><\/iframe><br \/>\nIn den USA traten Wall of Voodoo nun als Vorband f\u00fcr The Residents, Devo und Oingo Boingo auf. Das Leben w\u00e4hrend der Tourneen muss ziemlich chaotisch gewesen sein, gepr\u00e4gt von Exzessen und Drogen. Ridgeway und Nanini verlie\u00dfen die Band. Vorher war auch schon Bruce Moreland ausgestiegen. Gray hatte seinen Part \u00fcbernommen, Bill Noland kam als Keyboarder hinzu. Noland verlie\u00df 1983 aber ebenfalls die Band. Daf\u00fcr kehrt Bruce Moreland zur\u00fcck. Ein gro\u00dfes B\u00e4umchen-wechsel-dich. Mit Andie Prieboy fand man einen neuen S\u00e4nger. Er war gut, konnte aber den charismatischen Stan Ridgeway nicht ersetzen. Ned Leukhardt \u00fcbernahm die Drums. In dieser Besetzung machte die Band weiter und nahm so noch einige gef\u00e4llige LPs auf, deren St\u00fccke aber nicht an den fr\u00fchen rohen Sound heranreichte.<br \/>\nKurz nachdem ich Urgh! sah, kam die Band nach Deutschland auf Tournee. Heute ist es bequem, sich \u00fcber Newsletter oder einschl\u00e4gige Internetseiten \u00fcber Tourneen auf dem Laufenden zu halten, damals erfuhr man davon eher durch Zufall. Das Plakat war noch ein durchaus probates Mittel, von den zuk\u00fcnftigen Auftritten der Bands zu k\u00fcnden. Manchmal stand auch was in irgendeiner Zeitung. Es gab auch Musikzeitschriften, bessere Auskunft gaben aber Szene-Magazine wie das Berliner \u201etip\u201c. Jedenfalls erfuhr ich davon und erlebte magische Momente, an die ich auch heute noch, wenn auch dunkle Erinnerungen habe. Bei einem Auftritt in Aachen eilte Marc Moreland vor dem Konzert durch den Zuschauerraum und verhandelte mit dem T\u00fcrsteher, weil dieser einen Freund von Moreland nicht einlie\u00df. Der Musiker trug eine Art Gehrock, den er wohl eingepudert hatte, und der im Halbdunkel beim Gehen ordentlich staubte. Sein Gitarrenspiel auf der B\u00fchne war dann unglaublich faszinierend. In den alten Youtube-Videos bekommt man trotz der schlechten Qualit\u00e4t einen Eindruck, aber aus drei oder vier Metern Entfernung wurde man von der Intensit\u00e4t noch ganz anders gefangen genommen.<br \/>\nLeider hatte die Band nur eine kurze Geschichte.\u00a01989 l\u00f6ste sie sich auf. Ridgeway, der auf den Tourneen 1987 und 1988 ja schon nicht mehr dabei war, hatte inzwischen eine erfolgreiche Solo-Karriere gestartet und mit \u201eCamourflage\u201c einen Welthit. Moreland startete ebenfalls Soloprojekte, die aber offenbar wenig erfolgreich waren. Wall of Voodoo verschwanden, wurden Geschichte, aber die Aufnahmen leben fort und\u00a0habe nichts von ihrer Magie eingeb\u00fc\u00dft.\u00a0Es lohnt sich immer, die alten St\u00fccke anzuh\u00f6ren.<br \/>\nSehr viel sp\u00e4ter habe ich einmal nachgeforscht, was aus Marc Morland geworden ist. Da war er schon tot. Too much Rockn\u2019Roll. Marc Moreland starb am 13. M\u00e4rz 2002 im Alter von 44 Jahren in einem Pariser Krankenhaus an Nierenversagen nach einer Leber-Transplantation. Zuvor hatte er noch sein einziges Soloalbum aufgenommen. Die fertige CDhat er nicht mehr geh\u00f6rt. Seine sterblichen \u00dcberreste wurden verbrannt, die Asche\u00a0auf seinen Wunsch im\u00a0Pazifik, vor der K\u00fcste von Ensenada, Mexiko, verstreut. Schon 2000 war mit Joe Nanini ein anderes Bandmitglied der Wall of Voodoo-Urformation an einer Hirnblutung gestorben.<\/p>\n<p>Die Geschichte der Band erz\u00e4hlt Stan Ridgeway in seinem Song:\u00a0Talkin&#8216; Wall of Voodoo Blues Part 1<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/cUEzHQhydpo\" width=\"640\" height=\"360\" frameborder=\"0\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\"><\/iframe><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"mh-excerpt\"><p>Anfang der 1980er Jahre \u2013 kurz nach Erfindung des Rades, aber wir wussten nicht, dass wir in der digitalen Steinzeit lebten \u2013 verbreitete sich die <a class=\"mh-excerpt-more\" href=\"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/2017\/05\/29\/751\/\" title=\"1985: Marc Moreland und Wall of Voodoo\">[&#8230;]<\/a><\/p>\n<\/div>","protected":false},"author":1,"featured_media":752,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[15],"tags":[111,46],"class_list":["post-751","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-musik","tag-marc-moreland","tag-wall-of-voodoo"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/751","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=751"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/751\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":755,"href":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/751\/revisions\/755"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media\/752"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=751"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=751"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=751"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}