{"id":760,"date":"2017-06-23T23:52:45","date_gmt":"2017-06-23T21:52:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/?p=760"},"modified":"2017-06-30T23:06:05","modified_gmt":"2017-06-30T21:06:05","slug":"rocco-darsow-im-deutschen-schauspielhaus-hamburg","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/2017\/06\/23\/rocco-darsow-im-deutschen-schauspielhaus-hamburg\/","title":{"rendered":"Rocco Darsow im Deutschen Schauspielhaus Hamburg"},"content":{"rendered":"<p>Rocco Darsow, das klingt f\u00fcr mich ein bisschen wie Donnie Darko, Titel des inzwischen zum Kultfilm avancierten Werkes von Regisseur Richard Kelly (2001) mit Jake Gyllenhaal in der Titelrolle. Das abgerissene Triebwerk eines Flugzeugs st\u00fcrzt dort zu Beginn des Filmes in das Zimmer des 16-j\u00e4hrigen Sch\u00fcler Donald Darko. Zum Gl\u00fcck wird er von einem menschengro\u00dfen Wesen in Hasenkost\u00fcm und Totenkopfmaske gewarnt und kann das Zimmer vorher verlassen. Ein Totenkopfsch\u00e4del spielt auch in der Kulisse von Rocco Darsow eine gro\u00dfe Rolle. Ren\u00e9 Pollesch, Autor und Regisseur des Theaterst\u00fcckes Rocco Darsow, gibt selber im Interview an, den Namen f\u00fcr sein St\u00fcck von einem Berliner Boxer entliehen zu haben. Gew\u00e4hlt hat er ihn, weil er gut klang und weil das Hamburger Schauspielhaus, wo das St\u00fcck im kleinen Malersaal uraufgef\u00fchrt wurde, in einer Spielzeit \u201ezig St\u00fccke mit Namen im Titel hatte\u201c. Eingereicht hatte Pollesch den Titel seines St\u00fcckes schon anderthalb Jahre vorher und das St\u00fcck selber habe weder mit dem Titel, noch mit dem realen Namensgeber irgendetwas zu tun. Genau genommen ist Rocco Darsow auch \u00fcberhaupt kein St\u00fcck im klassischen Sinne. Handlung gibt es keine, aber Text ohne Unterlass. Und Kulisse mit Anspielungen aller Art. Die Urauff\u00fchrung war schon vor drei Jahren, 2014, im Malersaal des Hamburger Schachspielhause, der Experimentierb\u00fchne des Hauses f\u00fcr das kleinere Publikum. Im oben schon erw\u00e4hnten Interview mit dem Rolling Stone berichtet der Autor von der Entstehungsgeschichte: Drei Wochen vor Probenbeginn beginne der Autor f\u00fcr gew\u00f6hnlich seine Texte zu schreiben, die aber nur als Ausgangspunkt einer Endfassung gedacht seien. Die Endfassung entsteht erst zusammen mit den Schauspielern in den Proben. Pollesch kommt mit etwa 30 Seiten Text zum ersten Probentag, am Ende werden es vielleicht 50 Seiten. Gesprochen ergibt das \u00fcber eine Stunde. Im Theater muss man mit einem St\u00fcck auf mehr als eine Stunde Spielzeit kommen, sonst murrt das Publikum, zitiert Pollesch einen Intendanten. Polleschs St\u00fccke, f\u00fcr die er in der Vergangenheit mehrfach ausgezeichnet wurde, drehen sich zumeist um ein bestimmtes Thema. In Rocco Darsow ist es die Liebe. In einer rudiment\u00e4ren Rahmengeschichte verk\u00f6rpert der sehr pr\u00e4sente Martin Wuttke einen fiktiven Synchronstudiobesitzer. \u00a0Wuttke kennen die meisten wohl aus dem Fernsehen als b\u00e4rbei\u00dfigen Assistenten Keppler aus dem Leipziger Tatort, in dem er von 2008 bis 2015 zusammen mit Simone Thomalla in zahlreichen F\u00e4llen ermittelte. Zudem ist er als Filmschauspieler erfolgreich. In Quentin Tarantinos \u201eInglourious Bastard\u201c spielt er den Hitler. Seine Theatergeschichte ist bei Weitem umfangreicher. Meist steht er in Berlin auf der B\u00fchne. F\u00fcr seine Darstellungen erhielt Wuttke mehrfach Theaterpreise und wurde zum Schauspieler des Jahre gew\u00e4hlt. In Rocco Darsow spielt er zusammen mit Bettina Stucky, Sachiko Hara. und Christoph Luser. Au\u00dferdem ist noch, nennen wir es so, technisches Personal auf der B\u00fchne: Eine Souffleuse, die ein Textbuch h\u00e4lt und mit den Schauspielern mitgeht. Eine Kamerafrau und eine Tontechnikerin. Sie sind da, also darf man sie auch sehen. Sie geh\u00f6ren zum Theater dazu. Die Kulisse besteht aus einer riesigen Torte und einem ebenso riesigen Totensch\u00e4del darauf, der an den Film \u201eDer Terminator\u201c erinnert. Der Sch\u00e4del ist hohl und die H\u00e4lfte des St\u00fcckes befinden sich die vier Schauspieler und die drei Technikerinnen im Sch\u00e4del. Dann werden sie gefilmt und das Bild auf zwei Leinw\u00e4nde, rechts und links vor den Zuschauern \u00fcbertragen. Die Texte des St\u00fcckes sind eigentlich keine richtigen Dialoge, mit Rede und Gegenrede, die aufeinander Bezug nehmen, sondern eine eher Abfolge von Monologen zum selben Thema. Nachlesen kann man die Texte von Polleschs St\u00fccken nicht. Es geht ihm nicht darum Literatur auf die B\u00fchne zu bringen, sondern mit den Texten etwas Eigenes zu schaffen, Theater eben. Das Ganze kann dann auch nur dort erlebt werden. Wer nicht mitgeschrieben hat, wird sich schwerlich an Textpassagen erinnern, schon gar nicht in zeitlichem Abstand. Das liegt auch daran, dass w\u00e4hrend der Auff\u00fchrung Textwelle um Textwelle auf den Zuschauer zurollt und diesem kaum Zeit bleibt, \u00fcber das Gesagte nachzudenken. \u00a0Solche S\u00e4tze wie: \u201eIst es nicht ganz offensichtlich, dass etwas schrecklich Gewaltt\u00e4tiges darin liegt, einem anderen Menschen seine Leidenschaft f\u00fcr ihn offen zu zeigen?&#8220;Oder: \u201c Wenn du mir pl\u00f6tzlich deine Liebe gestehst, dann bist du wie ein Alien. Das kriecht in mich hinein, und pl\u00f6tzlich ist der K\u00f6rper ganz besessen und infiziert, und das w\u00e4chst da in mir drin, bis es pl\u00f6tzlich wieder herausbricht.\u201c Ein Alien kriecht dann auch \u00fcber die B\u00fchne. Neben dem Leitmotiv, der Liebe, wird manchmal auch \u00fcber Absurdit\u00e4ten aus dem Tonstudio-Alltag gesprochen. Und zum Schluss geht es um die wirtschaftliche Macht von Google. Nach etwas \u00fcber eine Stunde ist die Auff\u00fchrung auch schon vorbei. Langeweile kann so nicht aufkommen. Das Publikum feiert die Schauspieler. W\u00e4hrend ich noch \u00fcber das St\u00fcck nachdenke\u00a0hat\u00a0Ren\u00e9 Pollesch seit 2014 auf verschiedenen B\u00fchnen schon l\u00e4ngst eine Reihe neuer\u00a0St\u00fccke verwirklicht, gerne mit Martin Wuttke.<\/p>\n<p>Interview mit Ren\u00e8 Pollesch (Rolling Stone): https:\/\/www.rollingstone.de\/rene-pollesch-im-interview-vertrauen-ist-kalt-und-sex-ist-warm-376865\/<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"mh-excerpt\"><p>Rocco Darsow, das klingt f\u00fcr mich ein bisschen wie Donnie Darko, Titel des inzwischen zum Kultfilm avancierten Werkes von Regisseur Richard Kelly (2001) mit Jake <a class=\"mh-excerpt-more\" href=\"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/2017\/06\/23\/rocco-darsow-im-deutschen-schauspielhaus-hamburg\/\" title=\"Rocco Darsow im Deutschen Schauspielhaus Hamburg\">[&#8230;]<\/a><\/p>\n<\/div>","protected":false},"author":1,"featured_media":761,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[30],"tags":[109,108,107,110],"class_list":["post-760","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-theater","tag-deutsche-schauspielhaus","tag-martin-wuttke","tag-rene-pollesch","tag-rocco-darsow"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/760","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=760"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/760\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":762,"href":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/760\/revisions\/762"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media\/761"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=760"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=760"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=760"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}