{"id":832,"date":"2017-10-01T22:21:41","date_gmt":"2017-10-01T20:21:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/?p=832"},"modified":"2018-10-19T16:07:09","modified_gmt":"2018-10-19T14:07:09","slug":"rene-pollesch-ich-kann-nicht-mehr","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/2017\/10\/01\/rene-pollesch-ich-kann-nicht-mehr\/","title":{"rendered":"Ren\u00e9 Pollesch: Ich kann nicht mehr"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left;\">Nach \u201eRocco Darsow\u201c ist \u201eIch kann nicht mehr\u201c Ren\u00e9 Polleschs zweite Inszenierung am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg. Klassisches Theater bieten Ren\u00e9 Pollesch und sein Ensemble nicht. Es gibt keine Geschichte, keine Dramaturgie und auch keine Charaktere. Das Ensemble sagt Text auf, der sich im Lauf des St\u00fcckes in Versatzst\u00fccken bisweilen wiederholt. Da es keinen dramatischen Verlauf nach klassischer Theatertheorie gibt, z\u00e4hlt &#8222;die Kritik&#8220; Ren\u00e9 Pollesch zu den Vertretern der \u201ePostdramatik\u201c. Das Fehlen des Dramas wird im Verlauf des kurzen Abends aber von den Schauspielern durchaus beklagt \u2013 vielleicht ein augenzwinkernder Dialog des Autors mit der Kritik. Den Titel des St\u00fcckes kann man unter dem Aspekt dann auch auf zweierlei Weise deuten, je nachdem, ob man das Verb oder das Adverb betont.<\/p>\n<p>Er\u00f6ffnet wird der kurze Abend von einem Chor, einer Gruppe junger Frauen. Diese treten in Kampfanz\u00fcgen mit schicken roten Halst\u00fcchern auf. Man f\u00fchlt sich mit\u00a0ihren Uniformen an mittelamerikanische Guerillak\u00e4mpfer erinnert \u2013 Che Guevara l\u00e4sst gr\u00fc\u00dfen. Nach einer kleinen milit\u00e4rischen Choreographie wird dann erst einmal vielstimmig das Publikum angebr\u00fcllt: \u201eIch bin der Mann\u201c, dazu laute Musik. Dann rollen von rechts und links drei riesige K\u00fcken auf die B\u00fchne, sechs Meter hoch oder mehr. Im Hintergrund sieht man eine gewaltige Karte der Antarktis, \u201eWestantarctica\u201c und \u201eOstantarctica\u201c deutlich gekennzeichnet, als wenn das irgendwie wie von Wichtigkeit w\u00e4re. Schlie\u00dflich bahnen sich die vier Schauspieler ihren Weg durch die mobile H\u00fchner-Kulisse: Die Deutsch-Japanerin Sachiko Hara und die Schweizerin Bettina Stucky \u2013 beide spielten auch schon in Polleschs St\u00fcck \u201eRocco Darsow\u201c mit \u2013, Daniel Zillmann und Kathrin Angerer von der Berliner Volkb\u00fchne, beide auch durch viele Rollen in Spielfilm-und Fernsehproduktionen bekannt. Mit den Schauspielern tritt auch die Souffleuse des Theaters auf, Textbuch in der Hand. Auch in \u201eRocco Darsow\u201c wurde die Souffleuse nicht irgendwo versteckt, sondern beteiligte sich, wenn notwendig, dezent am Geschehen, hier ebenfalls \u2013 ein running Gag.<\/p>\n<p>Das Stilmittel eines Chores hat Ren\u00e9 Pollesch in seinen vergangenen Inszenierungen an verschiedenen B\u00fchnen schon h\u00e4ufig und gerne eingesetzt. In den antiken Anf\u00e4ngen geh\u00f6rte ein Chor zum festen Bestandteil des Theaters, war Dialogpartner der Schauspieler, sang Lieder oder erkl\u00e4rte den Zuschauern die Handlung. Der Chor bestand durchweg aus M\u00e4nnern. Hier sind es nur Frauen und so stimmt am ersten Satz, \u201eIch bin der Mann\u201c nichts, weder Numerus noch Geschlecht. Im weiteren Verlauf des St\u00fcckes \u00fcbernimmt der Pollesch-Chor unterschiedliche Aufgaben: Er beteiligt sich an Dialogen mit den Schauspielern, f\u00fchrt dann wieder ein Eigenleben in Gestalt von milit\u00e4rischen \u00dcbungen und fabuliert \u00fcber Probleme in der \u201eOstsektion\u201c.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/oDHnuG-CNqQ\" width=\"640\" height=\"360\" frameborder=\"0\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\"><\/iframe><\/p>\n<p>\u201eWas denn f\u00fcr eine Ostsektion?\u201c, wollen die Schauspieler wissen und haben offenbar keine Ahnung wovon ihr Chor spricht. Regelm\u00e4\u00dfig st\u00f6rt der Chor auch den Textvortrag der Schauspieler, indem er im gleichen Moment, aber vielstimmiger und lauter, selber zu sprechen anhebt. Eine witzige Idee. Die Schauspieler reden, aber man versteht sie nicht. Und dar\u00fcber beklagen sie sich auch. \u201eDer Chor funktioniert nicht mehr\u201c, stellen die Schauspieler fest. Diese Erkenntnis bietet Anlass, \u00fcber verschiedene Formen missgl\u00fcckter Kommunikation zu reflektieren. \u201eEr sprach mich immer dann an, wenn ich mir gerade die Z\u00e4hne putzte. So konnte ich nicht antworten. Bis ich merkte, dass er nur sprechen und kein Gespr\u00e4ch beginnen wollte, \u201c erinnert sich Kathrin Angerer. Bisweilen wird der Diskurs ins Groteske gesteigert: \u201eMan m\u00f6chte alleine zu sprechen. Ganz alleine \u2013 ohne dass \u00fcberhaupt jemand zuh\u00f6rt.\u201c<\/p>\n<figure id=\"attachment_835\" aria-describedby=\"caption-attachment-835\" style=\"width: 678px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-835 size-mh-magazine-lite-content\" src=\"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/DSC05421a-678x381.jpg\" alt=\"Ren\u00e9 Pollesch: Ich kann nicht mehr im Deutschen Schauspielhaus Hamburg\" width=\"678\" height=\"381\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-835\" class=\"wp-caption-text\">Ren\u00e9 Pollesch: Ich kann nicht mehr im Deutschen Schauspielhaus Hamburg<\/figcaption><\/figure>\n<p>Wer will, bekommt im Verlauf des Abends reichlich Stoff zum Nachdenken, muss sich aber dann auch anstrengen, mit dem Tempo des von Schauspieler zu Schauspieler st\u00e4ndig weiter gereichten Text-Staffelstabs Schritt zu halten. Gelegentlich werden Passagen des Textes wiederholt. Zwischendurch gibt es auch Sprech-Pausen, in denen der Chor formationsweise Choreographien vorf\u00fchrt, begleitet von Musik, die an James Bond-Filme und die Piraten-Oper \u201eFluch der Karibik\u201c erinnert. In Abst\u00e4nden erscheinen die drei \u00fcberlebensgro\u00dfen K\u00fcken, fahren auf die B\u00fchne, verharren und fahren wieder von der B\u00fchne herunter, besonders wenn sie von Kathrin Angerer angesprochen werden. In einer Szene bewaffnet sich der Chor mit Maschinenpistolen und pr\u00e4sentiert sich martialisch und dekorativ im k\u00fcnstlichen Nebel. Auch die K\u00fcken rollen nun bewaffnet ein. \u201eWho wants to live forever\u201c, Hymne der Rockgruppe Queen wird intoniert. Sachiko Hara hat das gleiche Motto auf ihrem T-Shirt aufgedruckt. Kate Bushs \u201eWuthering Heights\u201c begleitet die Milit\u00e4rgruppe mit einer Flaggenparade. Diese wird eigens als solche angek\u00fcndigt. Mancher denkt vielleicht an Theodor zu Guttenbergs &#8222;Gro\u00dfen Zapfenstreich&#8220; bei seinem Abgang als Verteidigungsminister: Er lie\u00df das Bundeswehr-Musikkorps \u201eSmoke on the water\u201c spielen.<\/p>\n<p>Zur weiteren Erheiterung der Zuschauer fahren Sachiko Hara und Bettina Stucky zwischendurch auf ihren St\u00fchlen an den B\u00fchnenr\u00e4ndern gen Schn\u00fcrboden hoch und wieder zur\u00fcck \u2013 Kirmes? Sp\u00e4ter unternimmt auch Kathrin Angerer diese Fahrt nach oben, sich verwundernd umschauend.<\/p>\n<p>Zum letzten Drittel des St\u00fcckes werden die Kost\u00fcme gewechselt. Der M\u00e4dchenchor verwandelt sich in einen solchen, nachdem die Frauen ihre Kampfanz\u00fcge nun mit wei\u00dfen Sommerkleidern getauscht haben. Gesungen wird aber immer noch nicht. Daniel Zillmann und Sachiko Hara, zuvor ebenfalls paramilit\u00e4rische gewandet erscheinen nun in zivilem Outfit, in &#8222;modern urban style&#8220;, Zillmann sieht nun aus wie ein Tourist. Kathrin Angerer hat ihr kanarienvogelgelbes Kleid gegen einen sommerlichen Hosenanzug getauscht. Die ganze Atmosph\u00e4re wird zum Schluss emotionaler. Wiederholt tut Kathrin Angerer kund, wie sehr sie das Drama vermisst. Die Schauspielerin hat einen Vortragsstil entwickelt, der zwischen leidend und vorwurfsvoll pendelt, nicht nur an diesem Abend. Im Gegensatz dazu vermittelt Bettina Stucky durch ihren fr\u00f6hlichen Gesichtsausdruck stets eine positive Grundstimmung. Die Deutsch-Japanerin Sachiko Hara spricht deutsch perfekt, aber sie arbeitet an der f\u00fcr sie fremden Sprache, das klingt oft spannend. Und Daniel Zillmann ist bei diesem St\u00fcck\u00a0 auf der B\u00fchne weit und breit der einzige Mann. Das wird an keiner Stelle thematisiert, aber damit muss er klar kommen.<\/p>\n<p>Man muss das St\u00fcck nicht unbedingt als Auftrag zum Nachdenken annehmen. Die vier spielfreudigen Schauspieler, der bewegungsfreudige und dynamische Chor, die musikalischen Zwischenspiele bieten reichlich Unterhaltung, um den Zuschauern einfach einen interessanten Abend zu bieten. Schon zu Anfang des St\u00fcckes tr\u00f6stet Bettina Stucky die Zuschauer: \u201eH\u00f6rt mal! Das kann jetzt nicht die ganze Zeit so weitergehen. Theaterabende sind wie das Leben. Wenn man sich nicht fest darauf verlassen k\u00f6nnte, dass sie mit Sicherheit irgendwann ein Ende haben werden, k\u00f6nnte man sie \u00fcberhaupt nicht aushalten.\u201c In diesem Sinne werden die Zuschauer nach etwa 80 Minuten, nachdenklich oder nicht, in den Abend entlassen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"mh-excerpt\"><p>Nach \u201eRocco Darsow\u201c ist \u201eIch kann nicht mehr\u201c Ren\u00e9 Polleschs zweite Inszenierung am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg. 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