{"id":844,"date":"2017-10-15T00:19:58","date_gmt":"2017-10-14T22:19:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/?p=844"},"modified":"2018-01-17T20:18:37","modified_gmt":"2018-01-17T19:18:37","slug":"tartuffe-am-thalia-theater","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/2017\/10\/15\/tartuffe-am-thalia-theater\/","title":{"rendered":"Tartuffe am Thalia-Theater"},"content":{"rendered":"<p>Moli\u00e8re, eigentlich Jean-Baptiste Poquelin, geboren 1622 als Sohn eines wohlhabenden H\u00e4ndlers, erhielt seine klassische Ausbildung bei den Jesuiten und h\u00e4tte nach dem Willen seines Vaters wohl Anwalt werden sollen. Dann lernte er jedoch die Schauspielerin Madeleine B\u00e9jart kennen und sein Leben nahm eine v\u00f6llig andere Richtung. Nach der missgl\u00fcckten Gr\u00fcndung einer eigenen Theatergruppe schlossen er sich mit seiner Freundin dem Theaterdirektor Du Fresne an. Schlie\u00dflich \u00fcbernahm Moli\u00e8re die Leitung dieser Gruppe und begann eigene St\u00fccke zu schreiben. \u00dcber die Bekanntschaft mit dem j\u00fcngeren Bruder des franz\u00f6sischen K\u00f6nigs Ludwig XIV., dem Herzog Philippe I. d\u2019Orl\u00e9ans, erhielt er Zugang zum Hof und seine Theatergruppe stieg zur \u201eTroupe du roi\u201c auf.<\/p>\n<p>In seinen St\u00fccken verarbeitete Moli\u00e8re mitunter brisante Themen und l\u00f6ste damit Kontroversen aus. Dies gilt ganz besonders f\u00fcr sein St\u00fcck Tartuffe. Uraufgef\u00fchrt wurde es im Rahmen eines Theaterfestivals im Mai 1664 am Hof von Versailles. Im Mittelpunkt steht ein herrschs\u00fcchtiger, l\u00fcsterner und auch geldgieriger Heuchler, der sich mit Hilfe vorget\u00e4uschter Fr\u00f6mmigkeit sakrosankt macht und unter dieser Tarnkappe seine Umgebung manipuliert, allen voran den Familienvorstand Orgon. Mit dem St\u00fcck zielte Moli\u00e8re seinerzeit auf eine einflussreiche Clique am K\u00f6nigshof, die sich um die K\u00f6nigin Mutter, Anna von \u00d6sterreich geschart hatte. Das St\u00fcck wurde verstanden und verboten. Moli\u00e8re nahm den Kampf auf und variierte das Grundthema mit seinem neuen St\u00fcck um den Heiratsschwindler Don Juan. Dieses St\u00fcck wurde aber ebenso verboten wie die folgende Tartuffe-Variante L\u2019Imposteur (Der Schwindler). 1669, nachdem die K\u00f6nigin-Mutter gestorben war und die Fr\u00f6mmlergruppe damit ihren Einfluss am Hofe verloren hatte, durfte schlie\u00dflich eine neue \u00dcberarbeitung des Stoffes mit dem Titel \u201eTartuffe, ou l\u2019Imposteur\u201c aufgef\u00fchrt werden und wurde gefeiert.<\/p>\n<p>Stefan Puchers Tartuffe-Inszenierung am Thalia Theater setzt auf optische Effekte und garniert den Handlungsverlauf mit thematische mehr oder weniger passenden Songs der schwedischen 1970er Pop-Gruppe Abba. Abba geht immer! Eine runde Drehb\u00fchne wird von einem hohen kupferroten Vorhang begrenzt. Geschlossen dient er am Anfang und am Ende des St\u00fcckes als Leinwand f\u00fcr Videoeinblendungen, in denen die Protagonisten \u00fcberlebensgro\u00df das Publikum anstarren. W\u00e4hrend Karin Neuh\u00e4user als Madame Pernelle, Orgons Mutter, ihren Sohn und sein Vertrauen in den von ihm in den Familienkreis aufgenommen Herrn Tartuffe rechtfertigt und dies mit einem ersten Abba-Lied bekr\u00e4ftigt, klagen die anderen Familienmitglieder danach \u00fcber den sch\u00e4dlichen Einfluss des Gastes. Die Zofe Dorine, gespielt von Victoria Trauttmannsdorf, durchschaut das doppelz\u00fcngige Spiel des Parasiten am besten.<\/p>\n<figure id=\"attachment_847\" aria-describedby=\"caption-attachment-847\" style=\"width: 678px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-847 size-mh-magazine-lite-content\" src=\"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/DSC05980-678x381.jpg\" alt=\"Tartuffe am Thalia Theater\" width=\"678\" height=\"381\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-847\" class=\"wp-caption-text\">J\u00f6rg Pohl ist Tartuffe<\/figcaption><\/figure>\n<p>Schlie\u00dflich tritt der B\u00f6sewicht nun endlich selber auf, erst im bisch\u00f6flichen Ornat, den er aber dann gegen einen schwarzen Anzug tauscht. J\u00f6rg Pohl hat die Rolle gut im Griff und sieht mit einem \u00fcberlangen wei\u00dfen Kragen und den zur\u00fcckgek\u00e4mmten langen Haaren wirklich wie ein Haifisch aus. Auch sonst spielt die Inszenierung mit den Kost\u00fcmen. Jeder Charakter hat seine eigene Farbe und seinen Stil. Orgons lilafarbener Anzug ist im Stile des Barock gehalten, aber die aufgeklebten Kreise und Punkte erinnern eher an ein Clownskost\u00fcm. Lisa Hagmeister als Elmire, die Dame des Hauses, hat ihren langen blauen Rock oft l\u00fcstern gerafft und stakst \u00fcberkandidelt durch die Szenen. Nur Tartuffe hat einen schwarzen und einen roten Anzug zur Verf\u00fcgung. Steffen Siegmunds (Damis) groteske Technointerpretation seines Abba-Songs im schlabbrigen Trainingsanzug ist \u00fcbrigens die lustigste Szene des Abends. Tartuffe macht sich an Elmire heran, doch diese stellt ihm eine Falle und \u00f6ffnet damit dem lauschenden Gatten endlich die zuvor verblendeten Augen. In seinen wahren Absichten enttarnt holt Tartuffe zum entscheidenden Schlag aus. Er kennt ein Geheimnis seines G\u00f6nners Orgon, erpresst ihn damit und will ihn um Hab und Gut bringen. Doch dann greift \u00fcberraschend die Staatsmacht ein und verschafft der Gerechtigkeit Geltung. Der Schluss, so von Moli\u00e8re im Original vorgesehen, wirkt gek\u00fcnstelt und war vielleicht ein Zugest\u00e4ndnis an die Staatszensur. Nach knapp zwei Stunden endet ein recht unterhaltsamer Abend, den das dankbare Hamburger Publikum mit freundlichem Applaus quittiert. So, wie Moli\u00e9res Tartuffe hier aber inszeniert wurde, entsteht der Eindruck, als habe ein altert\u00fcmlicher Stoff es n\u00f6tig, durch optische Effekte und poppige Gesangseinlagen aufgeh\u00fcbscht zu werden. Dabei ist der Tartuffe doch hochaktuell und hat in 350 Jahren nicht von seiner gesellschaftlichen Brisanz verloren. Die Tartuffes von heute kann man \u00fcberall am Werke sehen. Sie haben sich in der Politik, in der Wirtschaft, in Kunst und Kultur und in anderen Bereichen der Gesellschaft bestens eingerichtet. Mit Vorschriften dar\u00fcber, wor\u00fcber man reden darf und wor\u00fcber\u00a0nicht, was man denken darf und was nicht, welche Meinung erlaubt ist und welche nicht, \u00fcben sie Macht \u00fcber andere aus und lassen es sich selber dabei gut gehen. Das unzeitgem\u00e4\u00dfe Gewand des gottgef\u00e4lligen Menschen haben sie heute zwar abgelegt. Stattdessen erscheinen sie\u00a0nun im\u00a0moralisch \u00fcberlegenen Glanzanzug. Tartuffe ist immer und \u00fcberall.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/lBAFPhR-K-E\" width=\"640\" height=\"360\" frameborder=\"0\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\"><\/iframe><\/p>\n<p>Regie: Stefan Pucher<br \/>\nB\u00fchne: Barbara Ehnes<br \/>\nKost\u00fcme: Annabelle Witt<br \/>\nMusik: Christopher Uhe<br \/>\nDramaturgie: Julia Lochte<br \/>\nVideo: Meika Dresenkamp<br \/>\nDarsteller: Karin Neuh\u00e4user (Madame Pernelle) Oliver Mallison (Orgon, ihr Sohn) Lisa Hagmeister (Elmire, seine zweite Frau) Steffen Siegmund (Damis, sein Sohn) Birte Schn\u00f6ink (Mariane, seine Tochter) Bekim Latifi (Val\u00e8re) Matthias Leja (Cl\u00e9ante, Orgons Schwager) J\u00f6rg Pohl (Tartuffe) Victoria Trauttmansdorff (Dorine, Zofe)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"mh-excerpt\"><p>Moli\u00e8re, eigentlich Jean-Baptiste Poquelin, geboren 1622 als Sohn eines wohlhabenden H\u00e4ndlers, erhielt seine klassische Ausbildung bei den Jesuiten und h\u00e4tte nach dem Willen seines Vaters <a class=\"mh-excerpt-more\" href=\"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/2017\/10\/15\/tartuffe-am-thalia-theater\/\" title=\"Tartuffe am Thalia-Theater\">[&#8230;]<\/a><\/p>\n<\/div>","protected":false},"author":1,"featured_media":846,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[30],"tags":[181,180,182,178,124,125,126,177,179],"class_list":["post-844","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-theater","tag-franzoesisches-theater","tag-joerg-pohl","tag-klassiker","tag-komoedie","tag-moliere","tag-tartuffe","tag-thalia-theater","tag-theater","tag-victoria-trauttmansdorff"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/844","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=844"}],"version-history":[{"count":7,"href":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/844\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":928,"href":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/844\/revisions\/928"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media\/846"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=844"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=844"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=844"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}