{"id":899,"date":"2017-12-14T22:47:29","date_gmt":"2017-12-14T21:47:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/?p=899"},"modified":"2017-12-21T01:10:24","modified_gmt":"2017-12-21T00:10:24","slug":"tod-eines-handlungsreisenden-am-thalia-theater","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/2017\/12\/14\/tod-eines-handlungsreisenden-am-thalia-theater\/","title":{"rendered":"&#8222;Tod eines Handlungsreisenden&#8220; am Thalia Theater"},"content":{"rendered":"<p>Mit seinem Theaterst\u00fcck \u201eTod eines Handlungsreisenden\u201c r\u00e4umt der Dramatiker Arthur Miller mit dem Mythos des \u201eAmerican Dream\u201c auf, dessen Grundgedanke der ist,  dass jederman in den USA durch harte Arbeit den Aufstieg zu einem besseren Lebensstandard schaffen kann, im besten Fall wird der Tellerw\u00e4scher zum Million\u00e4r.<\/p>\n<p>Willy Loman (Kristof Van Boven) ist Handlungreisender und f\u00e4hrt t\u00e4glich bis zu 1000 km, um Gesch\u00e4ftsabschl\u00fcsse f\u00fcr seine Firma zu t\u00e4tigen. Doch die Gesch\u00e4fte laufen immer schlechter. Nun hat ihm seine Firma sein Gehalt gestrichen, so dass er seinen Lebensunterhalt von seinen Provisionen bestreiten muss, was ihm nicht gelingt. Er leiht sich Geld, um seiner Frau vorzut\u00e4uschen, dass er noch genug verdient, verliert sich in Tagtr\u00e4umen und lebt in eben dieser Blase des American Dream. In Wirklichkeit ist er gescheitert. Der Traum bleibt ein Traum. Seine Sehnsucht nach Erfolg \u00fcbertr\u00e4gt Loman  auf seine beiden S\u00f6hne Biff (Sebastian Rudolph) und Happy (Rafael Stachowiak), die aber ihrem Vater im wirtschaftlichen Misserfolg nachfolgen. Biff hat ein gest\u00f6rtes Verh\u00e4ltnis zu seinem Vater, seitdem er ihn bei einem Seitensprung erwischt hat, schafft seinen Schulabschluss nicht und verbringt nach einem Diebstahl ein Jahr seines Lebens im Gef\u00e4ngnis. Happy ist ein Aufschneider und verdient sein Geld als Hilfsarbeiter, \u201eAssistent eines Assistenten eines Niemands\u201c. In R\u00fcckblenden und Tagtr\u00e4umen wird das Scheitern des Willy Loman vorgef\u00fchrt. In anderen Passagen ist der Zuschauer Zeuge des Konflikts zwischen dem Vater und seinen S\u00f6hnen, besonders seinem \u00e4lteren Sohn Biff, der seinem Vater nach und nach die Realit\u00e4t vor Augen f\u00fchrt. Dazwischen steht Lomans Frau Linda (Marina Galic), \u00fcber die man eigentlich nur wenig erf\u00e4hrt. Sie best\u00e4rkt ihren Mann in seinen Tr\u00e4umen und versucht zwischen ihm und den S\u00f6hnen zu vermitteln. Nach und nach wird sich Loman seines Scheiterns bewusst. Die Familie ahnt, dass die Unf\u00e4lle, die er mit seinem Wagen hat, in Wirklichkeit Selbstmordversuche sind. Sie reden dar\u00fcber, entdecken einen Schlauch in der Garage, geeignet Gift vom Auspuff ins Auto zu leiten, doch sie unternehmen nicht wirklich etwas gegen die Selbstmordgedanken des Ehemanns und Vaters. Am Ende geht Loman tats\u00e4chlich mit dem Schlauch in die Garage und bringt sich um.<\/p>\n<p>In Sebastian N\u00fcblings Inszenierung am Hamburger Thalia Theater spielt der Sport eine wichtige Rolle. Im St\u00fcck hat Biff eine Sportkarriere als Footballspieler verpasst und damit seine Chance, als Sportstar seinem Milieu zu entkommen, nicht genutzt. Noch bevor die Zuschauer ihre Pl\u00e4tze eingenommen haben, liefern Biff und Happy sich an der Tischtennisplatte ein Duell, sp\u00e4ter ersetzt eine Ballmaschine einen der Spieler. Zum Schluss pustet die Maschine dem wehrlosen Willy Loman, der sich neben die Platte gesetzt hat, die Ping-Pong-B\u00e4lle ins Gesicht. Die Tischtennisplatte ist das wichtigste Requisit auf einer ansonsten fast leeren B\u00fchne. Sie wird automatisch gesteuert, klappt sich von alleine hoch und f\u00e4hrt als Minib\u00fchne von der gro\u00dfen B\u00fchne. Zum Ende des St\u00fcckes kehrt sie zur\u00fcck. Den Sport bringt auch das Team Lomann auf die B\u00fchne, eine dreizehn Mann starke Football-Mannschaft, in schwarzen Footballtrikots und schwarzen Helmen. Sie rufen Durchhalteparolen, feuern Lomann an. Der wirtschaftliche Erfolg wird zum Wettrennen mit den anderen, die das gleiche wollen. Nur der schnellste Vogel f\u00e4ngt den Wurm, der Rest bleibt auf der Strecke, so wie Lomann. <\/p>\n<p>Mit Alicia Aum\u00fcller kommt Sex-Appeal auf die B\u00fchne. Sie liefert als leicht bekleidete Geliebte Lomans eine beeindrucke Show an der Pol-Stange und singt dazu auch noch.  Sp\u00e4ter ist sie Howard Wagner, Lomans Chef, und k\u00fcndigt ihm endg\u00fcltig, als er sich die R\u00fcckkehr zum Festgehalt erbittet. Dann setzt sie eine Videokonferenz fort, die sie wegen Lomans Begehr unterbrechen musste. Wer mit neuer Technik seine Gesch\u00e4fte direkt abschlie\u00dfen kann, braucht keinen Handlungsreisenden mehr. \u201eMan kann doch einen Menschen nicht auspressen wie eine Zitrone und dann einfach wegwerfen\u201c, klagt Loman. Doch man kann. Wer nicht mehr gebraucht wird, muss sehen, wo er bleibt. In der Ellenbogengesellschaft ist sich jeder selbst der N\u00e4chste.<\/p>\n<p>Arthur Miller St\u00fcck \u201eTod eines Handlungsreisenden\u201c tr\u00e4gt viele autobiografische Z\u00fcge. Die Familie hie\u00df eigentlich Mahler und stammte aus Polen. Der Gro\u00dfvater wanderte in die USA aus, Millers Vater verlor sein Geld beim B\u00f6rsencrash von 1929 und musste von vorne anfangen. Arther Miller war 14 Jahre alt, als das passierte. Er arbeitete als Kellner und Lagerist, schrieb, und hatte Erfolg, als er mit \u201eTod eines Handlungsreisenden\u201c der amerikanischen Gesellschaft den Spiegel vorhielt. Das war 1949. Das St\u00fcck wurde in etwa 30 Sprachen \u00fcbersetzt und die Rolle des Verlierers Willy Loman wurde zur Paraderolle f\u00fcr viele Schauspieler. 1986 verfilmte Volker Schl\u00f6ndoff das St\u00fcck mit Dustin Hoffman in der Hauptrolle. <\/p>\n<p>Im Laufe der Jahre wirkte das Thema f\u00fcr manche etwas angestaubt, doch heute ist die Geschichte vielleicht aktueller denn je. Handlungsreisenden gibt es kaum noch, die Loser von heute werden Subunternehmer genannt und arbeiten vielleicht f\u00fcr Staatsbetriebe wie die Post. Aber die Verlierer von heute bringen sich nicht mehr um. Ihre Traumwelten sind andere: Sport, Sex, Show. Das Prinzip von Brot und Spielen funktioniert auch nach 2000 Jahren noch. Und im \u201eZeitalter der Kommunikation\u201c noch viel besser als fr\u00fcher. Wirtschaftlich ging es Loman vielleicht gar nicht so schlecht, immerhin konnte er in 25 Jahren ein Haus abzahlen. \u201eDas ist doch was\u201c, sagt er. Ja, das ist was. Hier und heute kann man das mit einem normalen Job kaum schaffen.<\/p>\n<p>Tod eines Handlungsreisenden, Thalia Theater<\/p>\n<p>Regie: Sebastian N\u00fcbling<br \/>\nMusik: Lars Wittershagen<br \/>\nDramaturgie: Julia Lochte<br \/>\nKost\u00fcme: Amit Epstein<br \/>\nB\u00fchne: Evi Bauer<\/p>\n<p>Darsteller:<br \/>\nKristof Van Boven (Willy Loman)<br \/>\nMarina Galic (Linda)<br \/>\nSebastian Rudolph (Biff)<br \/>\nRafael Stachowiak (Happy)<br \/>\nAlicia Aum\u00fcller (Die Frau \/ Howard Wagner \/ Miss Forsythe)<br \/>\nTim Porath (Bernard \/ Charley \/ Stanley)<\/p>\n<p>Team Loman: (alternierend): Berkay Bilgin, Ingmar Grapenbrade, Nils Hansen, Jarryd Haynes, Yann Mbiene, B\u00fcnyamin Pamukbasanoghi, Luca Pawelka, Lennart Packmor, Otis Packmor, Helge Rabe, Eike Reinke, William Schmidt, Laurence Volquardsen<\/p>\n<p> und Viet Thanh Tran<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"mh-excerpt\"><p>Mit seinem Theaterst\u00fcck \u201eTod eines Handlungsreisenden\u201c r\u00e4umt der Dramatiker Arthur Miller mit dem Mythos des \u201eAmerican Dream\u201c auf, dessen Grundgedanke der ist, dass jederman in <a class=\"mh-excerpt-more\" href=\"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/2017\/12\/14\/tod-eines-handlungsreisenden-am-thalia-theater\/\" title=\"&#8222;Tod eines Handlungsreisenden&#8220; am Thalia Theater\">[&#8230;]<\/a><\/p>\n<\/div>","protected":false},"author":1,"featured_media":900,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[30],"tags":[162,164,166,155,158,156,159,165,161,157,160,126,163,154],"class_list":["post-899","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-theater","tag-alicia-aumueller","tag-american-dream","tag-american-football","tag-arthur-miller","tag-kristof-van-boven","tag-marilyn-monroe","tag-marina-galic","tag-ping-pong","tag-rafael-stachowiak","tag-sebastian-nuebling","tag-sebastian-rudolph","tag-thalia-theater","tag-tim-porath","tag-tod-eines-handlungsreisenden"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/899","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=899"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/899\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":902,"href":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/899\/revisions\/902"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media\/900"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=899"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=899"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=899"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}