{"id":921,"date":"2018-01-02T23:03:22","date_gmt":"2018-01-02T22:03:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/?p=921"},"modified":"2018-01-17T20:21:34","modified_gmt":"2018-01-17T19:21:34","slug":"moliere-der-eingebildete-kranke","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/2018\/01\/02\/moliere-der-eingebildete-kranke\/","title":{"rendered":"Moli\u00e8re: Der eingebildete Kranke"},"content":{"rendered":"<p>Moli\u00e8res St\u00fcck \u201eLe Malade imaginaire\u201c, etwas unpr\u00e4zise oder mehrdeutig als \u201eDer eingebildete Kranke\u201c ins Deutsche \u00fcbertragen \u2013 gemeint ist \u201eder vermeintlich Kranke\u201c \u2013, ist Moli\u00e8res letztes St\u00fcck. Es entstand 1673 als letzte einer Reihe von Ballett- und Prosakom\u00f6dien, in denen Moli\u00e8re eher leichtere und unverf\u00e4ngliche Themen behandelte und in denen er sich \u00fcber bestimmte Moden der Zeit oder charakterliche Schw\u00e4chen seiner Mitb\u00fcrger lustig macht. In \u201eDer eingebildete Kranke\u201c ist der blinde Glaube an die \u00e4rztliche Kunst, Selbst\u00fcbersch\u00e4tzung der \u00c4rzte, aber auch Krankheit und Tod das Thema. Zum Zeitpunkt der Urauff\u00fchrung stand Moli\u00e8re, Schauspieler und Autor, am Hofe von Ludwig IV. zum Vergn\u00fcgungsdirektor aufgestiegen, im 51. Lebensjahr und war selber von Krankheit gezeichnet. Der Kampf um die Auff\u00fchrung seines lange verbotenen St\u00fcckes \u201eTartuffe\u201c hatte ihn aufgerieben. Hinzu kamen Beziehungsprobleme und andere private Probleme, der Wettbewerb mit Rivalen um die Gunst des Hofes und der Frauen. Der j\u00fcngere Racine hatte ihm eine seiner Schauspielerinnen ausgespannt, sein fr\u00fcherer Komponist Lully stach Moli\u00e8re in der Gunst des K\u00f6nigs nach und nach aus. Der Tod wurde zu Moli\u00e8re st\u00e4ndigem Weggef\u00e4hrten. Seine Partnerin Madeleine B\u00e9jart starb, ebenso sein drittes Kind bald nach der Geburt.<\/p>\n<p>Titelheld des St\u00fcckes \u201eLe Malade imaginaire\u201c, ist Argan, der sich f\u00fcr schwerkrank h\u00e4lt. Er erfreut sich st\u00e4ndiger \u00e4rztlicher Behandlung, doch seine \u00c4rzte verschreiben ihm nur nutzlose Anwendungen und stellen im \u00dcbrigen hohe Rechnungen aus. Da er glaubt, von den Medizinern abh\u00e4ngig zu sein, m\u00f6chte Argan seine Tochter Ang\u00e9lique einem Doktor zur Frau geben, genauer: dem Sohn des Arztes Monsieur Diafoirus. Ang\u00e9lique liebt jedoch jemand anderen, Cl\u00e9ante. B\u00e9line, Argans zweite Frau und Ang\u00e9liques Stiefmutter, unterst\u00fctzt scheinbar ihren Mann in der Absicht, seine Tochter dem frischgebackenen Arzt Thomas Diafoirus zur Frau zu geben, pflegt hinter seinem R\u00fccken aber Liebschaften. Die Krankheitssucht ihres Mannes kommt ihr dabei nicht ungelegen. Wie so oft in Moli\u00e8re St\u00fccken, ist es die Dienerin, die alles durchschaut und ihr Herz am rechten Fleck hat, hier hei\u00dft sie Toinette. Zusammen mit Argans Bruder B\u00e9ralde versucht sie, ihrem Herrn die Augen zu \u00f6ffnen. Zusammen \u00fcberreden sie Argan sich totzustellen, um die wahren Absichten seiner Gattin zu erkennen. Dies gelingt, die Gattin verr\u00e4t sich im Jubel \u00fcber den vermeintlichen Tod ihres Gatten. Tochter Ang\u00e9liques ist hingegen zu Tode betr\u00fcbet. Argan erkennt seinen Irrtum. Nun kommt es zum Happy End. Ang\u00e9liques darf ihren Cl\u00e9ante heiraten und der kranke Argan wird sogar in die Gilde der \u00c4rzteschaft aufgenommen.<\/p>\n<p>Ein paar Worte zur Medizin des 17. Jahrhunderts: Eine wissenschaftliche Medizin gab es zur Zeit von Ludwig des IV. nicht einmal in Ans\u00e4tzen. Der \u201eSonnenk\u00f6nig wurde zwar selber 79 Jahre alt, aber nicht wegen der Behandlungskunst seiner \u00c4rzte, sondern trotz ihrer Anwendungen und Eingriffe. Da man in dieser Zeit Z\u00e4hne als gef\u00e4hrlichen Infektionsherd ansah, wurden dem franz\u00f6sischen K\u00f6nig von seinem Leibarzt Dr. Daquin vorsorglich alle Z\u00e4hne gezogen, wegen der dilettantisch durchgef\u00fchrten Operation dabei ein Teil des Unterkiefers und Teile des Gaumens zerst\u00f6rt. Eine Narkose vor einem solchen Eingriff kannte man zu dieser Zeit \u00fcbrigens nicht. Dr. Daquin notierte in seinem Tagebuch: \u201eZum Zweck der Desinfektion habe ich seiner Majest\u00e4t das Loch im Gaumen 14 mal mit einem gl\u00fchenden Eisenstab ausgebrannt. Ludwig IV. musste danach den gr\u00f6\u00dften Teil seiner Nahrung Zeit seines Lebens unzerkaut aufnehmen. Ein Teil der Nahrung verfaulte in seinem zerst\u00f6rten Gaumen. Ludwig IV. soll f\u00fcrchterlich gestunken haben. Noch bis ins 18. Jahrhundert hinein basierte die europ\u00e4ische Medizin beziehungsweise das, was man daf\u00fcr hielt, auf der \u201eViers\u00e4fte-Lehre\u201c, dem Gleichgewicht der S\u00e4fte von gelber und schwarzer Galle, Blut und Schleim. Krankheiten resultierten demzufolge aus einem Ungleichgewicht der S\u00e4fte. Aderlass war eine beliebte \u201eHeilungsmethode\u201c, um das Gleichgewicht wiederherzustellen. Au\u00dferdem propagierte man die Lehre vom gesunden Darm, der dann gesund war, wenn er leer war. So geh\u00f6rten auch Abf\u00fchrmittel zu beliebtesten Behandlungsmethode. Ludwig IV erhielt t\u00e4glich einen Sud aus Schlangenpulver, Weihrauch und Pferdemist. Dies alles d\u00fcrfte am Hofe des K\u00f6nigs bekannt gewesen sein, sicher auch Moli\u00e8re.<\/p>\n<figure id=\"attachment_923\" aria-describedby=\"caption-attachment-923\" style=\"width: 1024px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-923 size-large\" src=\"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/DSC08391a-1024x768.jpg\" alt=\"Das traditionsreiche Hamburger Ernst-Deutsch-Theater\" width=\"1024\" height=\"768\" srcset=\"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/DSC08391a-1024x768.jpg 1024w, http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/DSC08391a-300x225.jpg 300w, http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/DSC08391a-768x576.jpg 768w, http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/DSC08391a-678x509.jpg 678w, http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/DSC08391a-326x245.jpg 326w, http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/DSC08391a-80x60.jpg 80w, http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/DSC08391a.jpg 2000w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-923\" class=\"wp-caption-text\">Das traditionsreiche Hamburger Ernst-Deutsch-Theater<\/figcaption><\/figure>\n<p>Das Hamburger Ernst-Deutsch-Theater ist ein renommiertes Hamburger Privattheater und muss sein wirtschaftliches \u00dcberleben mit seinen Auff\u00fchrungen gr\u00f6\u00dftenteils aus eigener Kraft sichern. St\u00fccke von Moli\u00e8re, der sich lange Zeit in \u00e4hnlicher Situation befand, passen da gut. Die Auff\u00fchrung des \u201eEingebildeten Kranken\u201c stand unter schwierigen Produktionsbedingungen. Der gro\u00dfe Hamburger Schauspieler und Regisseur Volker Lechtenbrinck hatte das St\u00fcck schon vor vielen Jahren in eine gek\u00fcrzte auf ihn zugeschnitte und mit einer Rahmengesichte versehen Version umgeschrieben und plante eine Wiederauff\u00fchrung. W\u00e4hrend der Probenzeit erkrankte er jedoch und musste die Titelrolle und die Regie abgeben. Wolf-Dietrich Sprenger sprang kurzfristig als Regisseur ein. Jonas Minthe, eigentlich als Cl\u00e9ante vorgesehen, \u00fcbernahm zwei Wochen vor der Premiere die Rolle des Argan. Die schwierige Produktion wird bei der Auff\u00fchrung mit einem kleinen rahmenhaften Vorspiel thematisiert: Minthe hat vermeintlich seine B\u00fchnenglatze vergessen, der Vorhang wird noch einmal geschlossen, das St\u00fcck neu gestartet. Dann gibt eine Souffleuse \u00fcberlaut und gestenreich Texthilfen.<\/p>\n<p>Die Inszenierung setzt das St\u00fcck in eine nachempfundene Kulisse im Barockstil des 16. Jahrhunderts. Auch Personen treten in Kost\u00fcme aus dieser Zeit, Moli\u00e8res Zeit, auf. Auf modernistischen Neu- oder Uminterpretationen wurde also verzichtet. \u201eDer eingebildete Kranke\u201c ist zwar eine Kom\u00f6die, hat aber auch seine ernsten Momente. Diese kommen in dieser Inszenierung eher zu kurz. Jonas Minthe, mit viel Makeup auf krank getrimmt, versieht seine Rolle mit viel derbem Klamauk. Es geht um Einl\u00e4ufe und auch akustisch ist der Darm ein best\u00e4ndiges Thema. Meist sitzt Minthe als Argan mitten auf der B\u00fchne, in seinem schaukelndem Krankensessel auf unz\u00e4hligen Kissen, und dirigiert aus dem Zentrum heraus das Geschehen. Jessica Kosmalla als Hausm\u00e4dchen Toinette wirbelt agil und mit feschen roten Haaren oftmals schimpfend \u00fcber die B\u00fchne. Maria Hartman verk\u00f6rpert \u00fcberzeugend Argans untreue Frau B\u00e9line, die sich zum Notar Monsieur Bonnefoss (Frank Jordan) hingezogen f\u00fchlt. Katharina P\u00fctter als Ang\u00e9lique muss im Verlauf der zweist\u00fcndigen Vorf\u00fchrung gleich mehrfach in Ohnmacht fallen und bew\u00e4ltigt diese Aufgabe gekonnt, ebenso eine a-cappella-Gesangseinlage. Auch ohne die ernsten Momente sorgen die Schauspieler am Ernst-Deutsch-Theater f\u00fcr einen unterhaltsamen Abend. Jonas Minthe und besonders Jessica Kosmalla erhielten am Ende den meisten Applaus.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Der eingebildete Kranke am Ernst-Deutsch-Theater<\/h3>\n<p>Premiere am 23. November 2017<\/p>\n<p>Besetzung:<\/p>\n<p>Argan: Jonas Minthe<br \/>\nB\u00e9line: Maria Hartmann<br \/>\nToinette: Jessica Kosmalla<br \/>\nAngeliqu\u00e9: Katharine P\u00fctter<br \/>\nLouison, Argans j\u00fcngere Tochter: Julia Liebetrau<br \/>\nMonsieur Purgon und<br \/>\nMonsieur Bonnefoy, Notar: Frank Jordan<br \/>\nB\u00e9ralde, Argans Bruder und<br \/>\nCl\u00e9ante: Richard Zapf<br \/>\nMonsieur Fleurant, Apotheker<br \/>\nMonsieur Diafoirus, Arzt: Holger Umbreit<br \/>\nThomas Diafoirus: Anton Pleva<\/p>\n<p>Regie: Volker Lechtenbrinck, Wolf-Dietrich Sprenger<br \/>\nB\u00fchne: Achim R\u00f6mer<br \/>\nKost\u00fcme: Nini von Selzam<br \/>\nMusik: Felix Huber<br \/>\nDramaturgie: Stefan Kroner<br \/>\nRegieassistenz: Pia N\u00fcchterlein, Alicia Wintruff<br \/>\nDramaturgieassistenz: Julian S\u00fcssmann<br \/>\nRegiehospitanz: Sabrina Petrzik, Sophia Vial<br \/>\nInspizienz: Ralph Sporleder<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"mh-excerpt\"><p>Moli\u00e8res St\u00fcck \u201eLe Malade imaginaire\u201c, etwas unpr\u00e4zise oder mehrdeutig als \u201eDer eingebildete Kranke\u201c ins Deutsche \u00fcbertragen \u2013 gemeint ist \u201eder vermeintlich Kranke\u201c \u2013, ist Moli\u00e8res <a class=\"mh-excerpt-more\" href=\"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/2018\/01\/02\/moliere-der-eingebildete-kranke\/\" title=\"Moli\u00e8re: Der eingebildete Kranke\">[&#8230;]<\/a><\/p>\n<\/div>","protected":false},"author":1,"featured_media":922,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[30],"tags":[173,181,174,175,182,178,171,172,124,176],"class_list":["post-921","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-theater","tag-ernst-deutsch-theater","tag-franzoesisches-theater","tag-jessica-kosmalla","tag-jonas-minthe","tag-klassiker","tag-komoedie","tag-ludwig-iv","tag-medizingeschichte","tag-moliere","tag-volker-lechtenbrinck"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/921","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=921"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/921\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":926,"href":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/921\/revisions\/926"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media\/922"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=921"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=921"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=921"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}