{"id":948,"date":"2018-02-13T21:19:24","date_gmt":"2018-02-13T20:19:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/?p=948"},"modified":"2018-02-13T21:25:38","modified_gmt":"2018-02-13T20:25:38","slug":"948","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/2018\/02\/13\/948\/","title":{"rendered":"Anna Karenina, aber mit anderem Text und auch anderer Melodie"},"content":{"rendered":"<p>Mit ihrer respektlosen Interpretation, \u201eEffie Briest, aber mit anderem Text und auch anderer Melodie\u201c haben die Regisseure, gleichzeitig auch Autoren, Barbara B\u00fcrk und Clemens Sienknecht am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg ein sch\u00f6nes neues Fass aufgemacht, dessen sie sich nun mit der Folge \u201eAnne Karenina, aber mit anderem Text und auch anderer Melodie\u201c weiter auf gl\u00e4nzende Weise bedienen. \u201eBer\u00fchmte Seitenspr\u00fcnge der Weltliteratur\u201c werden in dieser Reihe auf\u00a0erfrischende Weise neu erz\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Die Kulisse von Anne Karenina im kleinen \u201eMalersaal\u201c, der \u201eExperimentierb\u00fchne\u201cdes Schauspielhauses, ist haargenau die gleiche wie bei Effi Briest, und viele Gags sind es auch. Und auch das Personal ist dasselbe. Warum sollte man es auch \u00e4ndern? Never change winning Team! Die Geschichte ist jedoch diesmal eine ganz andere. Das 1200 Seiten dicke Werk \u201eAnne Karenina\u201c von Leo Tolstoi wird zur Auff\u00fchrung gebracht \u2013 aber nat\u00fcrlich nicht auf ad\u00e4quate Weise: Wie der Vorl\u00e4ufer Effi Briest, dient es als Vorlage f\u00fcr einen gro\u00dfen gelungenen Schabernack eines bestens aufgelegten Ensembles. Tolstois gro\u00dfes Werk \u00fcber b\u00fcrgerliche Doppelmoral, gesellschaftliche Zw\u00e4nge und gro\u00dfe Gef\u00fchle im zaristischen Russland erschien 1877\/78 und beginnt mit einem der ber\u00fchmtesten S\u00e4tze der Weltliteratur: &#8222;Alle gl\u00fccklichen Familien \u00e4hneln einander; jede ungl\u00fcckliche ist auf ihre Art ungl\u00fccklich&#8220; &#8211; nicht aber im Malersaal des Schauspielhause. Nach einer ersten Musikeinlage wird eine \u201eH\u00f6rplatte\u201c auf einem Reiseplattenspieler abgespielt und der Satz in verschiedenen Varianten verballhornt, zum Beispiel: \u201eAlle gl\u00fccklichen Familien sind ungl\u00fccklich&#8220;, oder \u00e4hnlich. Am Ende stimmte der Satz dann aber doch noch und das Spiel kann beginnen.<\/p>\n<p>Effi Briest und jetzt Anna Karenina werden in einen Rahmenprogramm als eine Art H\u00f6rspiel pr\u00e4sentiert. Ein Radiosender der \u2013 vielleicht \u2013 sp\u00e4ten 1970er hat dieses im Programm. Die flockig-lockeren Moderatoren unterbrechen bisweilen f\u00fcr eingespielte Werbespr\u00fcche oder Musik. Musik, manchmal auch verbunden mit grotesk wirkenden Tanzeinlagen, ist das vielleicht wichtigste Element des St\u00fcckes \u2013 Livemusik! Die sieben Akteure sind allesamt auch gro\u00dfartige Musiker. Oder anders: Die sieben Musiker sind auch tolle Schauspieler.<\/p>\n<p>Die ganze Szenerie ist auf die Zeit des ausgehenden 20. Jahrhunderts angesiedelt: Die 1970er? Oder 1980er? Einerlei. Die Kost\u00fcme sind von ausgesuchter Scheu\u00dflichkeit. Schlabbrige Jeans, h\u00e4sslich braune Stoffhosen, ebenso h\u00e4ssliche Cordkost\u00fcme,windige Blousons in Aubergine. Nur Ute Hanning, die einzige echte Frau hier\u2013 im Verlauf des Abends gibt es auch einige falsche \u2013 darf bisweilen einigerma\u00dfen geschmackvoll gekleidet agieren \u2013 w\u00e4re da nicht das \u00fcberdimensionierte vogelnestartige Haarmonster auf ihrem Kopf. Ute Hanning ist Anna Karenina, so gut wie ausschlie\u00dflich, wenn sie nicht gerade zwischendurch mal als Moderatorin oder Nachrichtensprecherin fungiert. Yorck Dippe, mit langm\u00e4hnigen Haarfuseln ausstaffiert und oft im wei\u00dfen Saturday Night-Glitzerlook agierend, ist meistens Graf Alexej Wronski \u2013 der Womanizer des Tolstoj-Romans. Wenn sein Name genannt wird, folgt ein Echo mit Hall. Wronski macht Anna Karenina den Hof, doch zugleich ist Kitty Schtscherbazkaja in ihn verliebt. Kitty wird von Clemens Sienknecht gespielt, nicht nur musikalischer Mastermind des ganzen Spa\u00dfes. Er wird dabei tatkr\u00e4ftig vom vielseitigen Jazz- und Theatermusiker Friedrich Paravicini unterst\u00fctzt. Da Kitty sich in den Grafen Wronskij verguckt hat, gibt sie dem Werben von Kostja Lewjin, alias Jan-Peter Kampwirth, nicht nach, erst ganz zum Schluss.\u00a0 Kittys Schwester Dolly, verk\u00f6rpert von Martin Wittenborn, ist mit Stiwa Oblonskij verheiratet, aber kreuzungl\u00fccklich, denn der betr\u00fcgt sie. Martin Wittenborn muss aber auch als geh\u00f6rnter Alexei Karenin, Gatte der Anna Karenina, einiges aushalten. Meist steht er im braunen Wollmantel wie ein begossener Pudel dar. Dann erscheint er mit \u00fcbergro\u00dfen abstehenden Ohren als eine Art Mr. Spock der b\u00fcrgerlich-russischen Literatur und tr\u00e4gt mit eiserner Miene seine Gesangsst\u00fccke vor. Sp\u00e4ter muss er auf Knien rutschend als russisch-orthodoxer Priester eine Ehe stiftend. \u201eWir danken f\u00fcr die Bereitstellung des Kleindarstellers\u201c, kommentiert das Radio. Political Correctness? Am Arsch! Danke!<br \/>\nMarkus John ist der durchtriebene Stiwa Oblonskij, mit h\u00fcbschem grauen Backenbart. In einer Szene spielt er den Vers\u00f6hnungsversuch des Schweren\u00f6ters Stiwa mit seiner betrogenen Gattin so \u00fcberzeugend, dass Martin Wittenborn, als Gattin, kaum an sich halten kann vor Lachen \u2013 ebenso wie das Publikum. Sliwa Oblonskijs Ehebruch und die drohende Scheidung von seiner Frau ist \u00fcberhaupt der Grund, warum Anna Karenina, Sliwas Schwester aus St. Petersburg nach Moskau reist \u2013 n\u00e4mlich, um mit ihrer Schw\u00e4gerin zu sprechen und die Ehe zu retten. Dort am Bahnhof begegnet sie schicksalhaft dem Grafen Wronskij. Und so kommt diese Geschichte in Gang. Anna w\u00fcrde sich in Liebe zu Wronskij scheiden lassen, ist jedoch \u00fcber ihren Sohn Serjoscha an ihren Mann gebunden. Zw\u00e4nge, wohin man schaut. Man sieht auch, die ganze Geschichte ist \u00fcberaus kompliziert und unter 1200 Seiten in ihren vielen Nuancen kaum zu erz\u00e4hlen. Eigentlich. Die Darsteller im Schachspielhaus schaffen es schneller. So ist es auch im Programm angek\u00fcndigt: Dauert mindestens 100 Minuten, auf keinen Fall mehr als 119 Minuten. So war es. Das geht nat\u00fcrlich nicht ohne eine gewisse Straffung der Vorlage: \u201e Wir \u00fcberspringen jetzt mal 500 Seiten.\u201c Das Publikum hat die 500 Seiten nicht vermisst. Ohnehin geht es ja haupts\u00e4chlich um Musik und die Freude am Spiel. Nach kleinem anf\u00e4nglichem Z\u00f6gern zollte das Publikum nach jeder gelungenen Episode offenen Szenenapplaus.<\/p>\n<figure id=\"attachment_950\" aria-describedby=\"caption-attachment-950\" style=\"width: 1024px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-950 size-large\" src=\"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/DSC09658-1024x577.jpg\" alt=\"Die gefeierten Akteure\" width=\"1024\" height=\"577\" srcset=\"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/DSC09658-1024x577.jpg 1024w, http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/DSC09658-300x169.jpg 300w, http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/DSC09658-768x433.jpg 768w, http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/DSC09658-678x381.jpg 678w, http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/DSC09658.jpg 2000w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-950\" class=\"wp-caption-text\">Die gefeierten Akteure<\/figcaption><\/figure>\n<p>Die n\u00e4chste Folge der Reihe wurde am Ende des St\u00fcckes auch schon angek\u00fcndigt: \u201eDie Nibelungen, Teil Zwei &#8211; Kriemhilds Rache\u201c.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"mh-excerpt\"><p>Mit ihrer respektlosen Interpretation, \u201eEffie Briest, aber mit anderem Text und auch anderer Melodie\u201c haben die Regisseure, gleichzeitig auch Autoren, Barbara B\u00fcrk und Clemens Sienknecht <a class=\"mh-excerpt-more\" href=\"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/2018\/02\/13\/948\/\" title=\"Anna Karenina, aber mit anderem Text und auch anderer Melodie\">[&#8230;]<\/a><\/p>\n<\/div>","protected":false},"author":1,"featured_media":949,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[30],"tags":[196,190,198,193,116,199,200,195,197,194,191,192],"class_list":["post-948","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-theater","tag-anna-karenina","tag-anna-karenina-aber-mit-anderem-text-und-auch-anderer-melodie","tag-barbara-buerk","tag-clemens-sienknecht","tag-deutsches-schauspielhaus-hamburg","tag-friedrich-paravicini","tag-jan-peter-kampwirth","tag-leo-tolstoi","tag-markus-john","tag-martin-wittenborn","tag-ute-hanning","tag-yorck-dippe"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/948","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=948"}],"version-history":[{"count":5,"href":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/948\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":955,"href":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/948\/revisions\/955"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media\/949"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=948"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=948"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=948"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}