{"id":958,"date":"2018-03-05T22:21:13","date_gmt":"2018-03-05T21:21:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/?p=958"},"modified":"2018-03-05T22:29:41","modified_gmt":"2018-03-05T21:29:41","slug":"jette-steckels-sturm-am-thalia-theater","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.andreschulz.de\/wordpress\/2018\/03\/05\/jette-steckels-sturm-am-thalia-theater\/","title":{"rendered":"Jette Steckels &#8222;Sturm&#8220; am Thalia Theater"},"content":{"rendered":"<p>Der Sturm (The Tempest) ist Shakespeares (1564-1616) letztes St\u00fcck, um 1609 entstanden, mit Sicherheit 1611 vor K\u00f6nig Jacob I. in Whitehall aufgef\u00fchrt. Der fr\u00fchere Herzog von Mailiand, Prospero (lat.: der Erfolgreiche), wird von seinem Bruder Antonio entmachtet und aus Mailand vertrieben, weil er sich zu sehr um seine B\u00fccher und nicht um die Staatsgesch\u00e4fte gek\u00fcmmert hat. Zusammen mit seiner Tochter\u00a0 Miranda (lat.: die Bewundernswerte) wird er auf ein Schiff gebracht und auf einer \u00f6den Insel ausgesetzt. Mit der Hilfe seiner B\u00fccher erlernt Prospero die F\u00e4higkeit der Zauberei und gewinnt Macht \u00fcber Geister und Nymphen der Insel. Dazu geh\u00f6ren der b\u00f6se Caliban, halb Mensch, halb Tier und Sohn der Hexe Sycorax, urspr\u00fcnglich die Herrscher der Insel, au\u00dferdem der gute Luftgeist Ariel, von Prospero aus einer Kiefer befreit, in der Sycorax ihn gefangen gehalten hielt. Ariel ist Prospero deshalb zu Dank verpflichtet. Caliban hingegen hat versucht Miranda zu vergewaltigen und muss deshalb Prospero als Sklave dienen.<\/p>\n<p>Prosepero f\u00fchlt den Tod nahen, seine Tochter aber hat das Leben und die Menschen fern der Zivilisation noch gar nicht kennengelernt. Als\u00a0 die Flotte des K\u00f6nigs von Neapel an der Insel vorbei segelt, l\u00e4sst Prosepero das Schiff des K\u00f6nigs mit Hilfe von Ariel, der einen Sturm entfacht, auf der Insel stranden, aus Rache, aber auch, um seiner Tochter des Wesen des Menschen vorzuf\u00fchren. Die Besatzung des Schiffes versetzt Prospero in einen Schlaf. Alonso, den K\u00f6nig von Neapel, seinen Bruder Sebastian und seinen Sohn Ferdinand, sowie Antonio, Prosperos Bruder und\u00a0 unrechtm\u00e4\u00dfiger K\u00f6nig von Mailand und einige weitere Edelleute l\u00e4sst Prospero auf der Insel umher irren.<\/p>\n<p>Ferdinand wird von Ariel schlie\u00dflich zu Prospero und Miranda gebracht, wonach sich der Sohn des K\u00f6nigs von Neapel und die Tochter Prosperos sich sofort ineinander verlieben.\u00a0 Die anderen besch\u00e4ftigen sich unterdessen mit Intrigen. Antonio \u00fcberredet Sebastian, seinen Bruder Alonso umzubringen, um selber den Thron zu besteigen, doch Ariel verhindert den Mord. Trinculo und Stephano, ein Hofnarr und ein Kellermeister, setzen Caliban unter Alkohol. Zu dritt wollen sie Prospero t\u00f6ten, um selber Herrscher der Insel zu werden. Auch dieses Unterfangen wird von Ariel verhindert. Schlie\u00dflich ruft Prospero die Gestrandeten zu sich und verzeiht ihnen seine Verbannung und ihre Mordabsichten. Die Heirat von Ferdinand und Miranda wird von allen gut gehei\u00dfen und besiegelt. Prospero erkl\u00e4rt, als Herzog nach Mailand zur\u00fcckkehren zu wollen und wirft seine Zauberuntensilien weg.<\/p>\n<p>In der Inszenierung von Jette Steckel am Thalia-Theater dient Shakespeares \u201eSturm\u201c als Vorlage f\u00fcr eine modernisierte Fassung einer seiner Kernbotschaften und auch als Ausgangspunkt und Orientierungshilfe f\u00fcr eine ganz andere, aktuellere Form des Theater. Der Titel lautet deshalb auch: \u201eDer Sturm &#8211; A Lullaby for Suffering nach William Shakespeare\u201c. Ein Wiegenlied des Leidens also.<\/p>\n<p>Jette Jeckel und das Ensmble des Thalia-Theaters bieten den Zuschauern eine knapp dreist\u00fcndige Revue, ein optisch-akustisches Feuerwerk mit Texten von Shakespeare, Musik und Tanz &#8211; alles andere als das traditionelle Sprechtheater. Der Anfang ist noch ganz klassisch: Das St\u00fcck beginnt mit dem Dialog von Prosepero und seiner Tochter, in dem der Vater, hier von einer Frau, Barbara N\u00fcsse gespielt, seiner Tochter Miranda, dargestellt von der der gro\u00dfartigen Maja Sch\u00f6ne, die Vorgeschichte erz\u00e4hlt, die sie und ihn auf diese Insel gebracht haben. Doch dann beginnt der gro\u00dfe Tanz. Die Gestrandeten des \u201eSturms\u201c treten\u00a0 auf und rufen Parolen. Miranda, die von der Welt bisher nichts wusste, beobachtet staunend die Menschenmenge.<\/p>\n<p>Ein dreist\u00f6ckiges Haus wird auf die B\u00fchne gefahren, an den Seiten offen und damit einzusehen. In seinem labyrinthhaften Inneren spielt sich nun der gr\u00f6\u00dfte Teil des St\u00fcckes ab, drau\u00dfen steht Prospero und dirigiert das traumhafte Geschehen. Es gibt viele verbl\u00fcffende und verwirrende Effekte: Nach der Anfangsszene wandern Caliban (Andr\u00e9 Szymanski) und Ariel (Mirko Kreibich) wie schwerelos die Wand empor. Sandmalereien, verwischte Spuren, werden von der Waagerechten auf die Senkrechte projiziert, eine virtuelle Hauswand entsteht, die durch Hell und Dunkel den Blick auf einzelne R\u00e4ume mal freigibt, mal verwehrt. Auch Videos sind auf dieser riesigen Leinwand zusehen: Mirandas \u00fcberlebensgro\u00dfes Gesicht, zum Beispiel.<\/p>\n<p>Im Haus sind alle R\u00e4ume miteinander verbunden. Die R\u00e4ume selbst sind kleine Kammern, Kabinen, mit einem oder zwei Schlafpl\u00e4tzen. Die Darsteller durcheilen die Segmente mit gro\u00dfer Gewandtheit, liefern sich Verfolgungsjagden, springen durch die kleinen Klappen und Durchg\u00e4ngen in den Trennw\u00e4nden. Drau\u00dfen klettern Ariel und Caliban, der Schwerkraft trotzend, im 90-Grad-Winkel den Wand entlang.<\/p>\n<p>Es wird gesprochen und viel gesungen, gerappt. Die Songs stammen von Leonhard Cohen, vor allem aber von der britischen Rapperin Kate Tempest. Im St\u00fcck wechselt die Sprache zwischen Deutsch und Englisch hin und her. Shakespeares Texte werden deutsch vorgetragen, die \u00fcbrigen Texte auf Englisch. \u00dcber der B\u00fchne, rechts und links sind \u00dcbersetzungen zu sehen. Wer im Englischen nicht so firm ist, muss sich entscheiden: Texte lesen oder der vielschichtigen Handlung auf der B\u00fchne folgen. Ohnehin ist die Botschaft bald klar &#8211; eine einzige Anklage.<\/p>\n<h3>Mit den Worten von Kate Tempest:<\/h3>\n<p>Let them eat Chaos:<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/TOXXdYtZSbQ\" width=\"640\" height=\"360\" frameborder=\"0\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\"><\/iframe><\/p>\n<p>Europe is lost, America lost, London lost<br \/>\nStill we are clamouring victory<br \/>\nAll that is meaningless rules<br \/>\nWe have learned nothing from history<br \/>\nThe people are dead in their lifetimes<br \/>\nDazed in the shine of the streets<br \/>\nBut look how the traffic&#8217;s still moving<br \/>\nSystem\u2019s too slick to stop working<br \/>\nBusiness is good, and there\u2019s bands every night in the pubs<br \/>\nAnd there\u2019s two for one drinks in the clubs<br \/>\nAnd we scrubbed up well<br \/>\nWashed off the work and the stress<br \/>\nAnd now all we want\u2019s some excess<br \/>\nBetter yet; a night to remember that we\u2019ll soon forget<br \/>\nAll of the blood that was bled for these cities to grow<br \/>\nAll of the bodies that fell<br \/>\nThe roots that were dug from the earth<br \/>\nSo these games could be played<br \/>\nI see it tonight in the stains on my hands<br \/>\nThe buildings are screaming<br \/>\nI can&#8217;t ask for help though, nobody knows me<br \/>\nHostile, worried, lonely<br \/>\nWe move in our packs and these are the rights we were born to<br \/>\nWorking and working so we can be all that we want<br \/>\nThen dancing the drudgery off<br \/>\nBut even the drugs have got boring<br \/>\nWell, sex is still good when you get it<br \/>\nTo sleep, to dream, to keep the dream in reach<br \/>\nTo each a dream, don\u2019t weep, don\u2019t scream<br \/>\nJust keep it in, keep sleeping in<br \/>\nWhat am I gonna do to wake up?<br \/>\nI feel the cost of it pushing my body<br \/>\nLike I push my hands into pockets, and softly<br \/>\nI walk and I see it, this is all we deserve<br \/>\nThe wrongs of our past have resurfaced<br \/>\nDespite all we did to vanquish the traces<br \/>\nMy very language is tainted<br \/>\nWith all that we stole to replace it with this<br \/>\nI am quiet, feeling the onset of riot<br \/>\nRiots are tiny though, systems are huge<br \/>\nTraffic keeps moving, proving there\u2019s nothing to do<br \/>\n&#8218;Cause it\u2019s big business, baby, and its smile is hideous<br \/>\nTop down violence, a structural viciousness<br \/>\nYour kids are dosed up on medical sedatives<br \/>\nBut don\u2019t worry bout that, man, worry &#8218;bout terrorists<br \/>\nThe water level&#8217;s rising! The water level&#8217;s rising!<br \/>\nThe animals, the elephants, the polar bears are dying!<br \/>\nStop crying, start buying, but what about the oil spill?<br \/>\nShh, no one likes a party pooping spoil sport<br \/>\nMassacres, massacres, massacres\/new shoes<br \/>\nGhettoised children murdered in broad daylight<br \/>\nBy those employed to protect them<br \/>\nLive porn streamed to your pre-teen&#8217;s bedrooms<br \/>\nGlass ceiling, no headroom<br \/>\nHalf a generation live beneath the breadline<br \/>\nOh, but it&#8217;s happy hour on the high street<br \/>\nFriday night at last lads, my treat!<br \/>\nAll went fine till that kid got glassed in the last bar<br \/>\nPlace went nuts, you can ask our Lou<br \/>\nIt was madness, road ran red, pure claret<br \/>\nAnd about them immigrants? I can&#8217;t stand them<br \/>\nMostly, I mind my own business<br \/>\nThey\u2019re only coming over here to get rich, it\u2019s a sickness<br \/>\nEngland! England! Patriotism!<br \/>\nAnd you wonder why kids want to die for religion?<br \/>\nIt goes, work all your life for a pittance<br \/>\nMaybe you\u2019ll make it to manager, pray for a raise<br \/>\nCross the beige days off on your beach babe calendar<br \/>\nThe anarchists are desperate for something to smash<br \/>\nScandalous pictures of fashionable rappers<br \/>\nIn glamorous magazines, who\u2019s dating who?<br \/>\nPolitico cash in an envelope<br \/>\nCaught sniffing lines off a prostitutes prosthetic tits<br \/>\nNow it&#8217;s back to the house of lords with slapped wrists<br \/>\nThey abduct kids and fuck the heads of dead pigs<br \/>\nBut him in a hoodie with a couple of spliffs<\/p>\n<p>Jail him, he\u2019s the criminal<br \/>\nJail him, he\u2019s the criminal<br \/>\nIt&#8217;s the BoredOfItAll generation<br \/>\nThe product of product placement and manipulation<br \/>\nShoot &#8218;em up, brutal, duty of care<br \/>\nCome on, new shoes, beautiful hair, bullshit!<br \/>\nSaccharine ballads and selfies, and selfies, and selfies<br \/>\nAnd here\u2019s me outside the palace of ME!<br \/>\nConstruct a self and psychosis<br \/>\nMeanwhile the people were dead in their droves<br \/>\nAnd, no, nobody noticed; well, some of them noticed<br \/>\nYou could tell by the emoji they posted<br \/>\nSleep like a gloved hand covers our eyes<br \/>\nThe lights are so nice and bright and let&#8217;s dream<br \/>\nBut some of us are stuck like stones in a slipstream<br \/>\nWhat am I gonna do to wake up?<br \/>\nWe are lost, we are lost, we are lost<br \/>\nAnd still nothing, will stop, nothing pauses<br \/>\nWe have ambitions and friendships and courtships to think of<br \/>\nDivorces to drink off the thought of<br \/>\nThe money, the money, the oil<br \/>\nThe planet is shaking and spoiled<br \/>\nAnd life is a plaything<br \/>\nA garment to soil<br \/>\nThe toil, the toil<br \/>\nI can&#8217;t see an ending at all<br \/>\nOnly the end<br \/>\nHow is this something to cherish?<br \/>\nWhen the tribesmen are dead in their deserts<br \/>\nTo make room for alien structures<br \/>\nDevelop, develop<br \/>\nAnd kill what you find if it threatens you<br \/>\nNo trace of love in the hunt for the bigger buck<br \/>\nHere in the land where nobody gives a fuck<br \/>\n(Kate Tempest)<\/p>\n<p>Zum Schluss findet das St\u00fcck dann schlie\u00dflich wieder wieder zur Shakespeare&#8217;schen Vorlage zur\u00fcck.\u00a0Der Sturm am Thalia Theater, Kate Tempests Wiegenlied des Leidens, eingebettet in einer R\u00fcckbesinnung auf ein altes Shakespeare-St\u00fcck. 400 Jahre sp\u00e4ter.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Sturm &#8211; A Lullaby for Suffering nach William Shakespeare<\/p>\n<p>Regie: Jette Steckel<br \/>\nMusikalische Leitung: Laurenz Wannenmacher<br \/>\nB\u00fchne: Florian L\u00f6sche<br \/>\nKost\u00fcme: Sophie Klenk-Wulff<br \/>\nVideo: Zaza Rusadze<br \/>\nDramaturgie: Julia Lochte, Emilia Linda Heinrich<\/p>\n<p>Darsteller:<br \/>\nAlicia Aum\u00fcller (Alicia)<br \/>\nMirco Kreibich (Ariel)<br \/>\nMatthias Leja (Antonio)<br \/>\nMarie L\u00f6cker (Esther)<br \/>\nSebastian Rudolph (Gonzalo &#8211; f\u00fcr die erkrankte Karin Neuh\u00e4user)<br \/>\nBarbara N\u00fcsse (Prospero)<br \/>\nJan Plewka (Ferdinand)<br \/>\nMaja Sch\u00f6ne (Miranda)<br \/>\nAndr\u00e9 Szymanski (Caliban)<br \/>\nTilo Werner (Sebastian)<\/p>\n<p>Musiker:<br \/>\nGabriel Coburger<br \/>\nJohannes Huth<br \/>\nSven Kerschek<br \/>\nStephan Kraus<br \/>\nLaurenz Wannenmacher (Leitung)<br \/>\nChoreografie: Yohan Stegli<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"mh-excerpt\"><p>Der Sturm (The Tempest) ist Shakespeares (1564-1616) letztes St\u00fcck, um 1609 entstanden, mit Sicherheit 1611 vor K\u00f6nig Jacob I. in Whitehall aufgef\u00fchrt. 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