Palais Schaumburg auf Kampnagel

Palais Schamburg - Kampnagel
Palais Schamburg - Kampnagel

Ende der 1970er, Anfang der 1980er Jahre entstand in Deutschland, inspiriert durch die englische Punk und Postpunk-Bewegung, die sogenannte Neue Deutsche Welle – New Wave auf Deutsch also. Allen Bands gemeinsam war eigentlich nur, dass sie ihre Texte auf Deutsch sangen. Das war revolutionär, denn die deutsche Sprache wurde musikalisch bis dahin nur in Schlagern verwendet. Musiker, die sich nicht dem Verdacht der Schlagernähe aussetzen wollten, texteten in englischer Sprache. Das hatte auch den Vorteil, dass die Zuhörer nicht gleich merkten, dass Texte auf Englisch genauso flach sein können wie manche deutsche Schlagertexte.

1976 war Wolf Biermann aus der DDR ausgebürgert worden und lebte nun mit seiner Lebensgefährtin, der Schauspielerin Eva-Maria Hagen und deren Tochter Nina in der Bundesrepublik Deutschland. Nina Hagen hatte in der Deutschen Demokratischen Republik schon Erfolge als Schlagersängerin gehabt („Du hast den Farbfilm vergessen“), besuchte in England ihre Freundin Ari Up, Sängerin der Frauenband „Slits“, und brachte von der Insel die Ideen der Punkmusik nach Deutschland. Mit Musikern der Politrockgruppe Lokomotive Kreuzberg gründete sie 1977 die Nina Hagen Band. Diese feierte sensationelle Erfolg, riss mit ihren Texten und Auftritten einige Barrieren ein und überwand Tabus und machte auch die deutsche Sprache in der deutschen Rockmusik salonfähig. Viele junge Musiker wagten nun ebenfalls auf Deutsch zu singen.

Eine dieser neu formierten Bands war die Gruppe Palais Schaumburg, 1981 von den Hamburger Kunststudenten Thomas Fehlmann, Walther Thielsch und Holger Hiller gegründet. Die Besetzung wechselte zwischendurch, Timo Blunck (Die Zimmermänner) am Bass und Ralf Hertwick am Schlagzeug wurden bald die „Stammbesetzung“. Thomas Fehlmann spielte Keyboard und Trompete, der Experimentalmusiker Holger Hiller übernahm den Gesangspart. 1981 erschienen die ersten Singles bei ZigZag und dann auch die LP „Palais Schaumburg“ bei einer großen Plattenfirma. 1982 wurde eine zweite LP „Lupa“ verööfentlicht und 1984 folgte noch „Parlez-Vous Schaumburg.“ mit englischen Texten. Dann löste die Band sich auf.

Hiller ging Soloprojekten nach. Timo Blunck ging in die USA und wurde Werbekomponist. Ralf Hertwick wurde Drehbuchautor. Thomas Fehlmann arbeitete als Produzent.

Holger Hiller hat Palais Schaumburg schon 1982 verlassen,vor der Veröffentlichung des zweiten Albums. Seine markante Stimme fehlt dort. Walther Thielsch, 2011 im Alter von nur 60 Jahren verstorben, hatte seinen Part als Sänger übernommen.  Von Thielsch stammte der Text zum Song „Kinder, der Tod ist gar nicht so schlimm.“

Im Hamburger Gruenspan wurde im März 2011 ein bewegender Abschiedsabend für Walter Thielsch,der den Namen seiner Frau angenommen hatte und sich Walter Welke nannte, organisiert,zu dem unzählige Weggefährten und viele bekannte Leute aus der Hamburger Musikszene erschienen. 2011, nach fast 30 Jahren, wurde auch die Idee geboren,Palais Schaumburg wieder aufleben zu lassen. 2011 gab es ein Reunion-Konzert in der Urbesetzung mit Holger Hiller, Timo Blunck, Thomas Fehlmann und Ralf Herwick im HAU am Halleschen Ufer in Berlin. Es folgten einzelne Auftritte in Köln und in Tokyo. Im Mai 2013 legte Palais Schaumburg im Goldenen Pudel Club einen weiteren grandiosen Auftritt hin – die letzte Show der Band bis jetzt. Der Goldene Pudel Club brannte übrigens 2014 nach einer Brandstiftung ab.

Nun gab es einen weiteren Auftritt von Palais Schaumburg auf Kampnagel. Der Saal K6 war bestuhlt und ausverkauft. Die Band zeigte sich verblüfft von dem großen Zuspruch. Nach den ersten Stücken forderten die Frontleute Holger Hiller und Timo Blunck die Zuschauer, ihre Sitzplätze zu verlassen und näher zu kommen. „Wir waren ja mal eine Tanzband. Kommt näher und tanzt.“ Und so geschah es dann auch. Da es keine richtige Bühne gab,verwischten sich die Grenzen zwischen Musikern und Musikfreunden. Holger Hiller und Timo Blunck kamen dem Publikum auch gerne entgegen.

Palais Schaumburg-Kampnagel

Schon 1981 kam der Sound von Palais Schaumburg als reichlich schräg daher. Die Rhythmusgruppe mit Timo Bluncks Bassspiel und Ralf Hertwicks Schlagzeug sorgen für einen treibenden Sound, auf den Thomas Fehlmann mit Keyboard, Synthesizer und nicht zuletzt Trompete schrille Spitzen und Akzente setzt. Manchmal greift Holger Hiller, immer noch im grauen Existentialisten-Look der frühen 1980er Jahre,  zu einer Gitarre und erzeugt zusätzliche Geräusche. Mit den herkömmlichen Klangerlebnissen von Popmusik oder anderen Bands der damaligen Neuen Deutschen Welle hat das nicht viel zu tun. Rhythmus-Funk trifft Freejazz. Und die Texte sind zumeist „Dada“.

 Morgen wird der Wald gefegt:

Wir liegen im Bett
Der Mast hat mich am Kopf getroffen
Und wir biegen um die Ecke
Wir biegen um die Ecke
Grauer Wolf gehenkt
Und grauer Wolf gehenkt

Wir liegen im Bett
Und der Mast hat mich am Kopf getroffen
Der Mast hat mich am Kopf

Wir fegen den Wald
Wir fegen den Wald
Morgen wird der Wald gefegt
Morgen wird der Wald gefegt

Wir biegen um die Ecke
Wir biegen um die Ecke
Und morgen wird der Wald gefegt
Grauer Wolf gehenkt
Grauer Wolf

Der Mast hat mich am Kopf getroffen
Wir liegen im Bett
Wir liegen im Bett
Wir liegen im Bett, wir liegen im Bett
Wir biegen um die Ecke
Grauer Wolf gehenkt

Und grauer Wolf gehenkt
Und grauer Wolf gehenkt
Und grauer Wolf gehenkt

Bei ihrem ersten Konzert nach erneut sechs Jahren Pause in der Kampnagel-Fabrik zeigten die jungen Wilden von 1981, fast 40 Jahre nach der Gründung. erneut einen grandiosen Auftritt.

Der Funke sprang schnell von der Bühne ins zumeist gereifte Publikum und die Begeisterung von dort zurück auf die Band. “Ihr seid toll. Es macht Spaß, hier zu spielen,“ kommentierte Holger Hiller. Nach 38 Jahren wirkt die Musik der Band wie ein alter Whiskey, zu optimalem Klang gereift. Sie waren ihrer Zeit damals in der Tat weit voraus. 

Timo Blunck
Timo Blunck

Nach dem Split der Band ging es offenbar nicht allen gut. Timo Blunck hat seine Erlebnisse in einem autobiographischen Roman verarbeitet, der im letzten Jahr erschien: Timo Blunck: Hatten wir nicht mal Sex in den 80ern?

Interview mit Timo Blunck in der Zeit 

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