Stuckrad -Barres „Panikherz“ am Thalia Theater

Panikherz am Thalia-Theater
Panikherz am Thalia-Theater

Benjamin von Stuckrad-Barre hatte wohl das Pech zu früh Erfolg und die falschen Leute kennengelernt zu haben. Allerdings hat er beides auch gesucht. Aufgewachsen in Rotenburg an der Wümme und in Göttingen als viertes Kind einer Pastorenfamilie versuchte er nach seinem Abitur 1994 in Hamburg kurze Zeit ein Germanistik-Studium, arbeitete als Redakteur des deutschen Rolling Stone, schrieb Texte für die Harald Schmidt Show und als freier Autor für verschiedene Zeitungen und Magazine und veröffentlichte dann schon bald seinen größten Erfolg, den Roman „Soloalbum“. Mit diesem schuf er einen neuen Stil und gilt zusammen mit einigen anderen jüngeren Autoren als Begründer einer neuen Literaturrichtung, der „neuen deutschen Popliteratur“.  Der Blick auf politische oder allgemeingültige gesellschaftliche Themen fehlt hier zumeist völlig, stattdessen steht das private Leben, das orientierungslose Dahintreiben in den eigenen Befindlichkeiten im Vordergrund. Der US-Amerikaner Bret Easten Ellis und seine Erfolgsroman „Less than Zero“ ist das große Vorbild. Benjamin Stuckrad-Barre ist allerdings ein aufmerksamer Beobachter und kann seine Entdeckungen auf interessante Art zur Sprache bringen. Nachdem er selber zum Popstar des Feulletons wurde, stürzte Stuckrad-Barre in seinem Privatleben bald ab. Seine Kokainsucht klingt schon beim Ich-Erzähler in „Soloalbum“ an. Hinzu kam ausgiebiger Alkoholkonsum, Depressionen als Folge oder Ursache. Nachfolgende Veröffentlichungen reichen an den Erfolg von Soloalbum nicht heran. Versuche als Moderator im Fernsehen Fuß zu fassen, bleiben Stückwerk. Stuckrad-Barre thematisierte seine Sucht und ließ einen intimen Dokumentarfilm über sein Leben in Abhängigkeit drehen. Er unternahm mehrere Anläufe, sich von seiner Sucht zu befreien und schaffte das schließlich mit Hilfe von Udo Lindenberg, der ihm seinen eigenen Suchtarzt empfiehlt. 2016 knüpft Stuckrad-Barre dann mit seinem Roman Panikherz an die frühere Erfolge an. Es ist seine Autobiografie. Ohne Schönfärberei berichtet er von seinem Erwachsenwerden, das in Rotenburg an der Wümme als Udo-Lindeberg-Fan begann, dem Umzug nach Göttingen, wo er als Landpomeranze und Sohn einer Öko-Familie gehänselt wird. Die frühen Erfolge als Schreiber, der Sprung in die Popwelt: Drogen, Junkie, Essstörungen, Kotzen, Einsamkeit, Entzug, Depression, Selbstmitleid und Jammer. Am Ende holt ihn sein Bruder da raus und bringt nach Hause – zurück zur Familie. Mit seiner Autobiographie Panikherz knüpft Stuckrad-Barre an seine Debütroman „Soloalbum“ an und übertrifft diesen an Substanz – inzwischen hat der Autor viel erlebt – und Umfang. Wer wissen will, wie der ganze Jammer endet, muss 600 Seiten lesen.
Der junge Regisseur Christoph Rüping wird als Shooting Star in der deutschen Theaterwelt gefeiert. 2011 brachte er in Frankfurt eine Theater- Fassung von „Der große Gatsby“ auf die Bühne. Am Hamburger Thalia Theater, im kleinen Haus an der Gaußstraße, inszenierte er 2012 die von Robert Koall dramatisierte Fassung von Wolfgang Herrndorfs Jugendroman „Tschick“. Das erfolgreiche Stück gehörte auch 2018 noch zum Programm des Thalia-Theaters.

Thalia-Theater
Thalia-Theater

Mit „Panikherz“ hat sich Christoph Rüping eines weiteren Stückes Prosa angenommen. Sein „Panikherz“ kommt grellbunt daher, beginnt schon, bevor die Zuschauer noch Platz genommen haben.

Während das Publikum noch seine Sitze sucht, wird die offene Bühne schon in Nebel gehüllt. Nebel gibt es reichlich. Benjamin von Stuckrad-Barre, Mittelpunkt und Thema, wird von mehreren Schauspielern in verschiedenen Phasen seines und unterschiedlichen Situationen dargestellt. Pascal Houdus ist der junge Benjamin von Stuckrad-Barre, der sich in seinem Kinderzimmer in Rotenburg an der Wümme über Udo Lindenberg freut und in Göttingen unter den „Größstädtern“ als zugezogener Hinterwäldler um Anerkennung kämpfen muss. Sebastian Zimmler leistet den größten Anteil an der Verkörperung des kokainsüchtigen Autors. Julian Greis, Bernd Grawert, Franziska Hartmann, Oda Thormeyer und Peter Maertens helfen als unterschiedliche Aspekte des Benjamin von Stuckrad-Barre aus oder stellen szenisch das Drumherum seine Lebens dar. Udo Lindenberg ist der rote Faden der Geschichte. Er steht am Anfang, als die Welt noch heil war, und er hilft Stuckrad-Barre am Ende aus der Sucht. Und er taucht leibhaftig immer wieder in seiner unverkennbare Udo-Lindenberg-Maske – Hut, Marine-Frack und Sonnenbrille – sagt aber nichts. Nur einmal spricht Udo seine zentrale Botschaft: “Keine Panik!“.

Das Stück beginnt schwunghaft und mit vielen optischen Effekten mit dem Aufstieg zum gefeierten Autor. In einer zentralen Szene zu Anfang wird ein Ausschnitt aus einer Sendung der WDR-Reihe „Zimmer frei“ gezeigt, riesengroß schemenhaft und verzerrt auf eine Nebelwand projiziert. Götz Alsmann schließt seine Vorstellung des damals 27-jährigen Gastes Benjamin von Stuckrad-Barre mit den flapsigen Worten ab. „So jemand wird entweder weltberühmt oder drogensüchtig.“ Stuckrad-Barre wäre sicher gerne weltberühmt geworden, stattdessen wurde er aber drogensüchtig.

Nach dem Bericht über den Ausbruch aus dem spießbürgerlichen familiären Umfeld, der uncoolen Müsliwelt, ins Licht, in die elektrische Popwelt, kommt die Zeit des Elends: Fresssucht, Kokain und Alkoholsucht, Bordellbesuche – der beste Freund ist schließlich der Dealer. Das Zuhause ist in eine Müllhalde verwandelt. Entziehungskuren, die nichts fruchten. Bisweilen springt das Stück ans Ende der Reise, ins Hotel Chateau Marmont  am Sunset Boulevard in Hollywood. Das Hotel hat viele Berühmtheiten beherbergt und wurde in vielen Romanen zitiert. Hier hat sich auch Stuckrad-Barre zurückgezogen und große Teile seiner Autobiographie Panikherz verfasst. Eine der witzigsten Passagen ist Zimmlers Aufzählung der Gründe, warum Stuckrad-Barre auf keinen Fall an einem Klassen-Jahrestreffen teilnehmen will, zudem er eingeladen wurde. Was Stuckrad-Barre nicht will, erfährt der Leser/ der Zuschauer hier genau. Aber was will er? In LA am Pool sitzen?

Panikherz, 2. Teil
Panikherz, 2. Teil

Die Aufführung dauert inklusive Pause drei Stunden. Im letzten Drittel vor der Pause wird die Geschichte etwas zäh und zieht sich. Drogenkonsum, Entzug, Drogenkonsum, Entzug. Nach der Pause folgen 40 weitere Minuten. Zwei Zuschauer werden zu Gesprächen auf die Bühne gebeten. Es folgen einige Reflexionen. Das Ensemble musiziert in Masken im Hintergrund. Das Stück endet dann irgendwie im Fade out. Den Hamburger Zuschauern hat es jedenfalls gefallen und sie dankten mit langem Applaus.

 

Regie: Christopher Rüping
Musik: Christoph Hart
Bühne: Jonathan Mertz
Live-Musik: Christoph Hart
Kostüme: Anna-Maria Schories
Video: Su Steinmassl
Dramaturgie: Matthias Günther
Darsteller:
Bernd Grawert
Julian Greis
Franziska Hartmann
Pascal Houdus
Peter Maertens
Oda Thormeyer
Sebastian Zimmler

Udo Lindenberg-Double (alternierend) Wenyen You / Chen Ding

 

Ersten Kommentar schreiben

Antworten

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.


*