Die Orestie: alles Ratten

Aischylos: Orestie
Aischylos: Orestie

Aischylos: Die Orestie

Die Orestie ist eine unglaublich gewalttätige Geschichte von Rache und Gegenrache, die sich über mehrere Generationen hinzieht, mit einer unendlichen Reihe von Abscheulichkeiten und Tabubrüchen, darunter Kannibalismus, Mord, Inzest und Ehebruch. Ihren Ursprung findet die Geschichte schon weit vor der Zeit der Protagonisten des Dramas in drei Stücken.

Die Orestie setzt mit dem Bericht der Rache des Atreus an seinem Bruder Thyestes ein. Dieser hatte mit Artreus‘ Frau Aerope Ehebrauch begangen. Artreus tötete seine Neffen, die Kinder des Thyestes, und setzte seinem Bruder das gebratene Fleisch als Mal vor. Die Missetaten setzten sich in der nächsten Generation fort, mit Artreus‘ Söhnen Agamemnon und Menelaos, denn das Geschlecht der Artriden ist schon seit der Untaten seiner Vorfahren verflucht. So soll Menelaos Helena heiraten, doch diese brennt zuvor mit Paris durch, wird „geraubt“, wie es in der offiziellen Diktion der Griechen heißt. Agamemnon trommelt ein Heer zusammen, um gegen Troja zu ziehen und die Braut seines Bruders zurückzuholen. Da er aber auf der Jagd eine heilige Hirschkuh der Artemis erlegt hat, bestraft die Göttin ihn und das zum Auslaufen bereite griechische Heer mit Windstille. Artemis verlangt ein Sühneopfer. Agammnon gehorcht und opfert seine Tochter Iphigenie, damit die Griechen lossegeln können.

In Agamemnons Abwesenheit nimmt sich dessen Frau Klytaimnestra Aigystes, den Sohn und gleichzeitig Enkelsohn (Inzest!), des Thyestes zum Liebhaber und lässt ihn auf dem Thron ihres Mannes sitzen. In Wirklichkeit ist alles sogar noch viel komplizierter, mit einer langen Vorgeschichte und vielen Nebengeschichten. Schließlich kehrt Agamemnon nach zehn Jahren heim.

Aischylos: Orestie
Aischylos: Orestie

Die dreistündige Inszenierung des jungen Regiestars Ersan Mondtag, eigentlich: Ersan Aygün, am Thalia-Theater hält sich verblüffend nah am Original. Das Stück beginnt laut mit einem Lamento der Protagonisten, die auf der Bühne einen Kreis gebildet haben, umgeben von der Kulisse eines antiken Theaters. In dessen Fenster stehen antike Statuen. Griechenland, also. Die Schauspieler aber stecken in Fellen, tragen wilde helle Perücken auf dem Kopf und lange Schnauzen mit Tasthaaren auf ihren Nasen, mit kleinen runden roten Brillengläsern. Die antiken Griechen sind ein Rattenvolk? Iphigenie (Oda Thormeyer) in rosa und Orest (Sebastian Zimmler) in blau stechen etwas heraus, die Tochter und der Sohn in den tradietionellen Farben für den weiblichen und männlichen Nachwuchs. Das sieht aber auch ein bisschen auch wie „Teletubbies“ aus.

Die Vorgeschichte wird erzählt, dann lässt die Kulisse, das antike Theater-Tuch, ihre Maske fallen und die runde Auffahrt eines Parkhauses wird sichtbar. Darin steht das Volk, der Chor, kommentiert nun vielstimmig oder singt. Später dreht sich die Kulissen und wird auch noch zur Fassade eines sozialen Wohnungsbaus, mit kleinen bunten, aber unnützen Balkonen und den obligatorischen Satelliten-Empfangsschüsseln an den Wänden.

Iphigenie wird geopfert. Klytaimnestra ist erbost – wer will es ihr verdenken -, dass ihre Tochter für „die Hure Helene“ geopfert wurde. Ihre zweite Tochter Elektra – Björn Meyer im roten Strampler mit Hydra-Frisur – wird wie eine Magd gehalten, so klagt er/sie.  Agamemnon kehrt schließlich heim und bringt die blinde Seherin Kassandra mit, im Original seine Mätresse, hier aber ein Baby im Körbchen. Klytaimnestra und Aigyst bringen Agamemnon nun „im Bade“ um. Eine Tat, für die sie viele gute Gründe haben, glauben sie. Orest kehrt aus der Verbannung heim und nimmt nun seinerseits Rache an seiner Mutter, aufgestachelt von seiner Schwester Elektra. Mit dem Hackebeilchen huscht er durch die Kulisse, die hier zum Kasperletheater wird, tötet die untreue und mörderische Mutter und deren Liebhaber. Für diese Tat wird er von den Erinyen gehetzt.

Aischylos‘ Orestie stellt 2500 Jahre nach seiner Uraufführung hohe Ansprüche an das Publikum. Die Geschichte von Mord und Tatschlag und unzähligen Missetaten, von denen jede durch die vorherigen begründet ist, bietet eigentlich als antikes Splatter-Movie reichlich Kitzel und Spannung. Aischylos wurde für seine Orestie sogar mit einem antiken Theaterpreis ausgezeichnet. Heute aber wirkt der Vortrag akademisch und damit langweilig. Woran liegt es? Der Text kommt in Reih‘ und Glied daher und man hat den Eindruck, dass damit Ehrfurcht und Respekt vor dem ehrwürdigen Original erzeugt werden soll. Und aus Angst vor dem verstaubten Theater-Museumsstück steckt der Regisseur seine Schauspieler in diese Schutzanzüge. Der Versuch des augenzwinkernden Schabernacks prallt am Textkörper ab. Anglisten behaupten, dass die Langeweile von der deutschen Version ausgeht, anscheinend auch in der gelobten neueren Übersetzung von Walter Jens. Im Englischen bliebe die Spannung des griechischen Originals erhalten.

Zur Pause haben etliche Zuschauer die Gelegenheit genutzt und das Theater verlassen. Einige Zuschauer, Freibeuter, von den billigen Plätzen sind in nun den vorderen Bereich des Zuschauraumes gezogen und versuchen dort für die zweite Hälfte bessere Sitzplätze zu kapern, als jene, für die sie bezahlt haben. Aber welche sind verwaist und welche nicht? An einigen Plätzen entbrennt ein Kampf um den besseren Zugang zur Kultur, als verspätet erscheinende Altbesitzer ihre Plätze zurückhaben möchten und für diese Anmaßung von Revoluzzern flegelhaft ob ihres „Sozialneides“ beschimpft werden.

Bevor es hier zum Äußersten kommt, beginnt auf der Bühne der zweite Teil des antiken Dramas.  Die Artriden habe sich inzwischen ihrer Rattenfelle entledigt und treten nun in engen schwarzen Anzügen und pechschwarzen Perücken auf. Das wirkt wie aus einem Science-Fiction-Film der 1960er Jahre. Um dem ewigen Kreislauf von Rache und Gegenrache zu entkommen wird unter der Leitung der Stadtgöttin Athene ein Gerichtshof einberufen. Aus Selbstjustiz wird Demokratie. Soll Orest als letzter überlebender Täter bestraft werden? Für und wider wird erläutert. Den Plädoyers folgt der Urteilsspruch. Das Volk soll abstimmen. Letztlich entscheidet aber Athene doch, wie sie will – eine Anspielung auf den Regierungsstiel unserer ewigen Kanzlerin? – und schenkt dem Beklagten die Freiheit. Tatsächlich ist es lohnend, die Idee der Demokratie gemäß ihrem Gründungsmythos mit ihrem Zustand hier und heute, „im Land, in dem wir gut und gerne leben“, zu vergleichen.

 

Regie: Ersan Mondtag

Musik: Max Andrzejewski

Bühne: Paula Wellmann

Kostüme: Josa Marx

Dramaturgie: Matthias Günther

Darsteller: Marie Löcker (Klytaimestra/Erinye), Björn Meyer (Elektra), Thomas Niehaus (Chaos), Paul Schröder (Aigisth/Erinye), André Szymanski (Agamemnon/Apollon), Oda Thormeyer und Cathérine Seifert (Threnos/Athene, alternierend), Sebastian Zimmler (Orest)

Bürgerchor: Marie Löcker, Björn Meyer, Thomas Niehaus, Paul Schröder, Cathérine Seifert/Oda Thormeyer, André Szymanski, Sebastian Zimmler

Gesangschor: Charlotte Becher, Lars Böttcher, Andreas Bracht, Johanna Maria Braun, Marianne Bruhn, Franziska Buchner (Solistin Sopran 2), Martin Conrad, Meral Dere, Minou Djalili, Ines Eberlein (Solistin Alt 1), Marta Frankenberg Garcia, Clemens Heise, Pauline Jacob (Solistin Alt 2), Annika Janßen, Ev Joost, Regine Jungemann, Marja Kaiser, Norbert Kijak, Günter Kochan, Kasimir Krzesinski, Jens Kühlbrey, Dustin Leitol, Harald Lieber, Charlotte Lindig, Michael Pehle, Gratian Permien, Ann-Kathrin Quednau, Inga Renz, Helena Rowinski, Marvin Sawatzki, Judith Schwendiger, Michaela Tröster, Målin Uschkureit, Jürgen Weiler, Qiong Wu (Solistin Sopran 1)

Chorleitung/Gesangseinstudierung: Uschi Krosch

Geräusch-Design: Florian Mönks

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