Reeperbahn Festival: Whispering Sons

Whispering-Sons
Whispering-Sons

Als hätten sich die großen Epigonen im Wave-Olymp zusammen gesetzt und jeder hätte das Beste beigesteuert, um die alte Zeit und den guten Gitarrenwave noch einmal zu großem Glanz zu verhelfen. Das Ergebnis sind die Whispering Sons, eine fünfköpfige Band in klassischer Besetzung: Kobe Lijnen an der Leadgitarre, Tuur Vanderborne am Bass, Sander Hermans am Keyboard und Sander Pelsmakers an den Drums. Und dann ist da noch Fenne Kuppens, die für den Gesang zuständig ist. Das erledigt sie auf ganz besondere Weise.

Fenne Kuppen

Die Band fand sich 2013 zusammen. Den Namen entlehnten sie einem Stück der einigermaßen unbekannt gebliebenen dänischen Band „Moral“. Die „Whispering Sons“ starteten ihre Musikkarriere mit einer Coverversion dieses Stückes und benannten sich dann nach dem Titel.

Ursprünglich stammen die fünf Musiker aus der Umgebung von Ghent (Belgien). Jetzt leben sie in Brüssel. 2015 erschien die erste EP, Endless Party, 2016 und 2017 die Singles Performance/ Strange Identities und White Noise. Erst 2018 wurde das erste Album veröffentlicht: Image. Zuvor waren die Musiker zumeist als Liveband unterwegs. Einige Stücke auf Image wurden ebenfalls praktisch live aufgenommen. Das Album klingt auch deshalb wie aus einem Guss.

Wer nach musikalischen Vorbildern sucht, muss weit zurückgehen und findet Gruppen wie The Cure, Sisters of Mercy, The Mission, Bauhaus und besonders The Wake (Locomotive Age!). Manches klingt sogar nach Can– wie das Stück White Noise. Alle Stücke der Whispering Sons klingen aber auch nach etwas eigenem, besonderem – ein neuer Darkwave höherer Ordnung.

Fenny Kuppen

Die Whispering Sons waren Teil des Reeperbahn-Festivals 2019 und spielten am Donnerstag im „Terrace Hill“, einem Club im fünften Stock des Flakbunkers auf dem Heiligengeistfeld. Wenn sich einmal niemand mehr an die düstere Zeit in der Mitte des 20. Jahrhunderts erinnert – den Flakbunker wird es weiter geben. Unter dem „Terrace Hill“ befindet sich  das größere „Übel und Gefährlich“  und über dem Club eine Dachterasse – in etwa 40 Metern Höhe.

Das Reeperbahnfestival wurde erstmals 2006 als reines Musikfestival durchgeführt. Inzwischen gibt es auch Kunstprojekte, Filme und Vorträge. Das Festival ist zu einem der wichtigsten Treffpunkte für die Musikwirtschaft geworden und bietet jungen Künstlern eine prominente und viel besuchte Plattform. Zuletzt wurden fast 1000 Events an knapp 100 Orten angeboten. Aus Zuschauersicht gibt es aber von allem zu viel, oder auch zu wenig, je nachdem. Manche interessante Gruppen, die man gerne gesehen hätte, spielen zur gleichen Zeit. Und die Topacts sind völlig überlaufen. Wer eine bestimme Gruppe mit Gewissheit sehen will, muss sich früh und lange anstellen, um nicht ein Opfer der vielen Einlassstops zu werden.

Das „Terrace Hill“ fasst 200 Zuschauer und war bei dem Auftritt der Whispering Sons auch gut gefüllt, aber nicht überfüllt. Dies war schon der zweite Auftritt der Band in diesem Jahr in Hamburg. Etwas unbemerkt hatten die Whispering Sons bereits im Januar im Hafenklang gespielt.

Viele der kraftvollen Stücke der Band sind in einer Art Dialog zwischen den drei Teilen der Band aufgebaut. Vom Publikum aus gesehen stand die Rhythmusgruppe  mit Tuur Vanderborne und Sander Pelsmakers rechts. Der Drummer hatte sich hinter seinen Trommeln nicht etwa hingesetzt, er stand. Die oftmals schnellen treibenden Beats der Band lassen sich mit einer sitzenden Position auch nur schlecht verbinden.Links waren Kobe Lijnen (Gitarre) und Sander Hermans (Keybord) postiert. Sängerin Fenne Kuppens verbindet die beiden Flügel und ist mit ihrer tiefen Stimme und ihrem intensiven Gesang zugleich der dritte Partner der musikalischen Dialoge.

In ihrer weißen Garderobe, den adrett frisierten halblangen glatten blonden Haaren wirkt die Frontfrau auf den ersten Blick wie die Hauptdarstellerin einer Anwaltsserie. Doch schon nach den ersten Tönen verwandelt sie sich mit ihren raumgreifenden tänzerischen Bewegungen, dazu der dunklen Stimme in eine Art japanischen Geist. In manchen Rezensionen wurde sie als eine Art weibliche Re-Inkarnation von Ian Curtiz bezeichnet. Fenne Kuppens hat großes dramatisches Talent, begleitet die Stücke mit intensiven Gesichtsausdrücken, mal leidend, mal wütend. Und sie hat Charisma. Bisweilen, wenn die Gitarren heulen und sie mit ihrem Gesang Pause hat, schaut sie ins Publikum. Nicht böse, aber sehr ernst und intensiv.

Die Band gab im Terrace Hill ein volles Konzert, mit über einer Stunde Länge und trug dabei fast ihr volles Repertoire vor.     

Whispering Sons – Homepage

Ersten Kommentar schreiben

Antworten

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.


*