Rocco Darsow im Deutschen Schauspielhaus Hamburg

Deutsches Schauspielhaus Hamburg Malersaal

Rocco Darsow, das klingt für mich ein bisschen wie Donnie Darko, Titel des inzwischen zum Kultfilm avancierten Werkes von Regisseur Richard Kelly (2001) mit Jake Gyllenhaal in der Titelrolle. Das abgerissene Triebwerk eines Flugzeugs stürzt dort zu Beginn des Filmes in das Zimmer des 16-jährigen Schüler Donald Darko. Zum Glück wird er von einem menschengroßen Wesen in Hasenkostüm und Totenkopfmaske gewarnt und kann das Zimmer vorher verlassen. Ein Totenkopfschädel spielt auch in der Kulisse von Rocco Darsow eine große Rolle. René Pollesch, Autor und Regisseur des Theaterstückes Rocco Darsow, gibt selber im Interview an, den Namen für sein Stück von einem Berliner Boxer entliehen zu haben. Gewählt hat er ihn, weil er gut klang und weil das Hamburger Schauspielhaus, wo das Stück im kleinen Malersaal uraufgeführt wurde, in einer Spielzeit „zig Stücke mit Namen im Titel hatte“. Eingereicht hatte Pollesch den Titel seines Stückes schon anderthalb Jahre vorher und das Stück selber habe weder mit dem Titel, noch mit dem realen Namensgeber irgendetwas zu tun. Genau genommen ist Rocco Darsow auch überhaupt kein Stück im klassischen Sinne. Handlung gibt es keine, aber Text ohne Unterlass. Und Kulisse mit Anspielungen aller Art. Die Uraufführung war schon vor drei Jahren, 2014, im Malersaal des Hamburger Schachspielhause, der Experimentierbühne des Hauses für das kleinere Publikum. Im oben schon erwähnten Interview mit dem Rolling Stone berichtet der Autor von der Entstehungsgeschichte: Drei Wochen vor Probenbeginn beginne der Autor für gewöhnlich seine Texte zu schreiben, die aber nur als Ausgangspunkt einer Endfassung gedacht seien. Die Endfassung entsteht erst zusammen mit den Schauspielern in den Proben. Pollesch kommt mit etwa 30 Seiten Text zum ersten Probentag, am Ende werden es vielleicht 50 Seiten. Gesprochen ergibt das über eine Stunde. Im Theater muss man mit einem Stück auf mehr als eine Stunde Spielzeit kommen, sonst murrt das Publikum, zitiert Pollesch einen Intendanten. Polleschs Stücke, für die er in der Vergangenheit mehrfach ausgezeichnet wurde, drehen sich zumeist um ein bestimmtes Thema. In Rocco Darsow ist es die Liebe. In einer rudimentären Rahmengeschichte verkörpert der sehr präsente Martin Wuttke einen fiktiven Synchronstudiobesitzer.  Wuttke kennen die meisten wohl aus dem Fernsehen als bärbeißigen Assistenten Keppler aus dem Leipziger Tatort, in dem er von 2008 bis 2015 zusammen mit Simone Thomalla in zahlreichen Fällen ermittelte. Zudem ist er als Filmschauspieler erfolgreich. In Quentin Tarantinos „Inglourious Bastard“ spielt er den Hitler. Seine Theatergeschichte ist bei Weitem umfangreicher. Meist steht er in Berlin auf der Bühne. Für seine Darstellungen erhielt Wuttke mehrfach Theaterpreise und wurde zum Schauspieler des Jahre gewählt. In Rocco Darsow spielt er zusammen mit Bettina Stucky, Sachiko Hara. und Christoph Luser. Außerdem ist noch, nennen wir es so, technisches Personal auf der Bühne: Eine Souffleuse, die ein Textbuch hält und mit den Schauspielern mitgeht. Eine Kamerafrau und eine Tontechnikerin. Sie sind da, also darf man sie auch sehen. Sie gehören zum Theater dazu. Die Kulisse besteht aus einer riesigen Torte und einem ebenso riesigen Totenschädel darauf, der an den Film „Der Terminator“ erinnert. Der Schädel ist hohl und die Hälfte des Stückes befinden sich die vier Schauspieler und die drei Technikerinnen im Schädel. Dann werden sie gefilmt und das Bild auf zwei Leinwände, rechts und links vor den Zuschauern übertragen. Die Texte des Stückes sind eigentlich keine richtigen Dialoge, mit Rede und Gegenrede, die aufeinander Bezug nehmen, sondern eine eher Abfolge von Monologen zum selben Thema. Nachlesen kann man die Texte von Polleschs Stücken nicht. Es geht ihm nicht darum Literatur auf die Bühne zu bringen, sondern mit den Texten etwas Eigenes zu schaffen, Theater eben. Das Ganze kann dann auch nur dort erlebt werden. Wer nicht mitgeschrieben hat, wird sich schwerlich an Textpassagen erinnern, schon gar nicht in zeitlichem Abstand. Das liegt auch daran, dass während der Aufführung Textwelle um Textwelle auf den Zuschauer zurollt und diesem kaum Zeit bleibt, über das Gesagte nachzudenken.  Solche Sätze wie: „Ist es nicht ganz offensichtlich, dass etwas schrecklich Gewalttätiges darin liegt, einem anderen Menschen seine Leidenschaft für ihn offen zu zeigen?“Oder: “ Wenn du mir plötzlich deine Liebe gestehst, dann bist du wie ein Alien. Das kriecht in mich hinein, und plötzlich ist der Körper ganz besessen und infiziert, und das wächst da in mir drin, bis es plötzlich wieder herausbricht.“ Ein Alien kriecht dann auch über die Bühne. Neben dem Leitmotiv, der Liebe, wird manchmal auch über Absurditäten aus dem Tonstudio-Alltag gesprochen. Und zum Schluss geht es um die wirtschaftliche Macht von Google. Nach etwas über eine Stunde ist die Aufführung auch schon vorbei. Langeweile kann so nicht aufkommen. Das Publikum feiert die Schauspieler. Während ich noch über das Stück nachdenke hat René Pollesch seit 2014 auf verschiedenen Bühnen schon längst eine Reihe neuer Stücke verwirklicht, gerne mit Martin Wuttke.

Interview mit Renè Pollesch (Rolling Stone): https://www.rollingstone.de/rene-pollesch-im-interview-vertrauen-ist-kalt-und-sex-ist-warm-376865/

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