Matthias Deutschmann im Polittbüro

Matthias Deutschmann, der Mann mit dem Cello

Das Hamburger Polittbüro – die zwei „t‘s“ sind Absicht –, ist die eigene Bühne des Kabarett-Duos „Herrchens Frauchen“ – das sind Lisa Politt und Gunther Schmidt. Einst war hier, am Hamburger Steindamm 45, ein Kino, das „Neue Cinema“ – 1951 eröffnet, 2000 geschlossen. Danach wurde das Haus zeitweise vom Schauspielhaus als dritte Spielstätte betrieben. 2005 übernahm schließlich die „Herrchen Frauchen GbR“ das Theater mit ca. 320 Plätzen, aufgeteilt in Parkett und Balkon. Seitlich sind ein paar Stühle hinzu gestellt. Wer ganz spät kommt, setzt sich einfach auf den Tisch am Rand. Hier ist man nicht kompliziert. Der rotplüschige Kinobarock erinnert an vergangene Zeiten und der Internetaufritt ebenfalls: Hier ist eine Briefmarke mit dem Konterfei von Karl Marx aufgeklebt, dort wird zur Sammlung für minderjährige unbegleitete Flüchtlinge aufgerufen. Die missionarische Befindlichkeit der 68-Nachkommen ist hier nicht nur Kabarett-Programm. Seit der Münchner Lach-und-Schieß-Gesellschaft, ach was: schon immer,  steht das Kabarett per definitionem links – oder hat jemals jemand von einem rechten oder konservativen Kabarett gehört? Nur aus der linken Ecke werden die Zielscheiben mehr oder minder pointiert beschossen, die ideologischen Feindbilder zu Zielscheiben gemacht.

Doch sind „links“ und „rechts“ heute überhaupt noch sinnvolle politische oder gesellschaftliche Beschreibungen? Oder vielleicht nur noch Erinnerungen an eine Zeit naiver, von der Realität inzwischen längst widerlegter Utopien – Etiketten aus der Kabarett-Antike.

Wer zum Poliitbüro will und vom Hauptbahnhof kommt, muss den Orient durchqueren. Orientalische Gemüseläden, Türkische Frisöre und andere Basare säumen den Weg. Hier ist Hamburgs „Souk“, aber nicht so bunt und vielfältig wie im Original.

Polittbüro und Gemüsestand
Das Polittbüro in der Steinstraße. Davor gibt es Gemüse

Und wer die Steinstraße per Auto durchquert, muss wissen: Hier gelten andere Regeln – wenn überhaupt. Doch der Weg lohnt sich, auch für den deutschsprachigen Wanderer auf der Steinstraße. Inmitten des Basars liegt, als deutsch-bürgerliche Kulturblase, das Polittbüro. Selbstverständlich pflegt und begrüßt man hier auch offenherzig den oder das Fremde.

Matthias Deutschmann im Polittbüro
Matthias Deutschmann im Polittbüro

„Ich komme aus Freiburg, das ist im Süden, von Hamburg mindestens zwei Klimazonen entfernt“, weckt Matthias Deutschman beim Hamburger Publikum augenzwinkernd Neid. Wenn Matthias Deutschmann nach Hamburg kommt, ist das Polittbüro ausverkauft. Auch an zwei Tagen hintereinander. Der Mann mit dem Cello hat aber nicht nur in der Hansestadt eine angestammte Fangemeinde und viele Freunde.

Matthias Deutschmann ist der etwas andere Kabarettist. Vielleicht ist er auch einer der letzten politischen Kabarettisten überhaupt. Mit Deutschmann kommt Musik ins Kabarett. Das Cello ist sein Markenzeichen und wenn er sein Cellospiel auf der Bühne einsetzt, sehr dosiert, dann wird das Programm poetisch und etwas melancholisch. Meist. Er kann aber auch anders. So schafft es Deutschmann beispielsweise auch, dem Streich-Instrument Dudelsack-artige Geräusche zu entlocken – als er über den „Brexit“, den Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Gemeinschaft spricht und darüber nachdenkt, wie die Nordiren und Schotten darauf reagieren werden. „Die Waliser werde sich mit den Bretonen vereinigen“, prophezeit er. Und endlich kämen die Republik Irland und Nordirland zusammen. Die Abspaltungstendenzen einzelner Regionen Europas ist eines der Themen des Programms. Kann dieser europäische Trend auch auf Deutschland übergreifen, auf Bayern oder Baden?: „Die Farben Badens sind die gleichen wie die Kataloniens. Wir haben weniger Streifen. Aber die sind dicker!“

Matthias Deutschmann eilt in den knapp zwei Stunden seines Programms durch die Themenwelt der letzten zwei Jahre. Es beginnt 2015 mit den Ausschreitungen enthemmter Migranten auf der Kölner Domplatte und der verstörten, desorientierten Reaktion der Medien. Der Spiegel-Kolumnist Jakob Augstein kriegt sein Fett weg und muss sich den Vergleich mit seinem Stiefvater Rudolf Augstein gefallen lassen. Ein Vergleich David mit Goliath, aber David ohne treffsichere Schleuder- gemein.  Augstein junior hatte die Übergriffe seinerzeit als „ein paar Grabschereien“ kleinzureden versucht.

Matthias Deutschmann spricht die Themen an, aber schreibt seinem Publikum nicht vor, wie es darüber zu denken hat. Nur manchmal lässt er einen eigenen Standpunkt durchscheinen. Niemand muss sich hier mit einer anderen Meinung unwohl fühlen. Deutschmann ist das (inhaltliche) Schwergewicht des deutschen Kabaretts, aber seine Themen durchfährt er mit der Leichtigkeit eines Eiskunstläufers. Politisch bissig mit Sinn für die Pointe, bisweilen schelmenhaft. Manchmal führt er sein Publikum auch in den Klamauk, z.B. beim Hubschrauber-Angriff des ADAC auf die Bundeswehr. Das größte Ziel bietet Angela Merkel. In einem hübschen Gag wird sie von Deutschmann zum Schluss des Programms als Hape Kerkeling enttarnt. „Wir haben es immer gewusst“, ruft der Kabarettist fröhlich.

Ein Klassiker ist Matthias Deutschmanns Cello-Stück über die GEMA, im Polittbüro als Zugabe gegeben. Inzwischen gibt es davon unzählige Versionen. Alle sind gut und machen einen Menge Spaß.

Wer Deutschmann nicht sehen kann, kann ihn lesen. Sein Buch „Noch nicht reif, aber schon faul“ ist eine Aufsatzsammlung zu verschiedenen aktuellen gesellschaftlichen Themen. Nach seinen Vorstellungen erhält man es von ihm auch signiert.

Matthias Deutschmann signiert sein Buch „Noch nicht reif, aber schon faul“

https://matthiasdeutschmann.de/

https://de.wikipedia.org/wiki/Matthias_Deutschmann

http://www.polittbuero.de/

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