Frankenstein/ Homo deus

Frankenstein/ Homo Deus
Frankenstein/ Homo Deus

Das Stück Frankenstein/ Homo deus verbindet – am Titel unschwer zu erkennen – den Frankenstein-Mythos einerseits mit den Thesen des israelischen Historikers Yuval Noah Harari andererseits. Harari hat mit seinem Sachbuch „Ein kurze Geschichte der Menschheit“ einen modernen Klassiker geschrieben und mit „Homo Deus – eine Geschichte von Morgen“ nachgelegt. Natürlich kann man eine Geschichte von morgen nicht schreiben, weil es die Geschichte noch nicht gibt. Hararis Vision ist also eine Spekulation, die er aber selbstverständlich nicht etwa frei erfindet, sondern aus der bisherigen Geschichte der menschlichen Gesellschaft und der jüngeren Entwicklung im technischen Bereich herleitet. Harari spinnt die Evolution weiter und aus dem Homo Sapiens wird bei ihm der Homo Deus. Der Mensch wird zum Gott, indem er sich eine künstliche Intelligenz schafft, die die Aufgaben besser erledigt als der Mensch es selber kann. Für seine Zukunftsvisionen bietet Harari verschiedene Entwicklungsvarianten an.

Auch bei Mary Shelley, bei Veröffentlichung ihres berühmten Frankenstein-Romans im Jahr 1818 gerade 18 Jahre alt, spielt neue Technik eine Rolle. Anfang des 19. Jahrhundert war die Elektrizität entdeckt worden und einige Wissenschaftler unternahmen Versuche, wie Elektrizität auf Tiere oder tote Menschen wirkt. Im Roman wird aus Leichenteilen vom Professor Frankenstein ein neuer Mensch zusammengesetzt und durch Elektrizität, durch die Blitze eines Unwetters zum Leben erweckt. Mary Shelleys neuer künstlicher Mensch ist allerdings ein Monster und stößt seine Erschaffer ab. Das ist der Unterschied zur heutigen Begeisterung über die neuen Möglichkeiten der künstlichen Intelligenz. 

In seiner Inszenierung am Thalia Theater mischt Jan Bosse die beiden Werke und lädt zumindest zum Vergleich ein. Für die insgesamt dreistündige Aufführung werden die Zuschauer in vier Gruppen aufgeteilt und durchlaufen in unterschiedlicher Reihenfolge das Theater und vier Stationen. Karin Neuhäuser philosophiert als Putzfrau über künstliche Intelligenz und stoppt einen Vortragsroboter, indem sie ihm den Stecker zieht. In einem Film von Jan Speckenbach brechen Menschen aus dem Menschenreservat aus. Ein Mann versucht seinen kybernetischen Nebenbuhler umzubringen, was sich als nicht so leicht erweist. Paul Schröder und Jirka Zett suchen in einer Kabarett-Nummer im Publikum versteckte Humanoiden. Schließlich gibt es auch noch eine gruselig realistische Vorführung des alten Frankensteinstoffes. Sebastian Zimmler ist der verrückte Professor, mit blutiger Schürze. Marie Löcker sein Gehilfe Igor. Pascal Houdos wird als Monster auf einem eisernen Gestell in den Schnürboden gezogen und dort durch Licht zum Leben erweckt. Das Publikum sitzt hier in einem Anatomie-Hörsaal auf der Bühne, ist mitten drin im Geschehen und wird im Spiel auch mit einbezogen. „Bist du mein Vater?“, erschreckt Pascal Houdos einen Zuschauer.  Die fünfte Station ist klassisches Theater. Alle Zuschauergruppen sitzen zum Schluss vereint im Zuschauerraum.  Über der Bühne hängen riesige Nervenbahnen und Synapsen, Pascal Houdos sorgt als Roboter mit staksigen Bewegungen für viele komische Momente. Die Menschen sind degeneriert. Karin Neuhäuser lebt im Rollstuhl. Es wird beim Essen gesabbert und über Sex mit Robotern nachgedacht. Der letzte Teil zieht sich etwas und hätte auch kürzer sein können. Aber sonst waren es kurzweilige dreieinhalb Stunden.

Frankenstein /Homo Deus am Thaia Theater, Hamburg

Regie: Jan Bosse, 
Bühne: Stéphane Laimé
Kostüme: Kathrin Plath
Musik: Jonas Landerschier
Video: Jan Speckenbach (Film und Video)
Dramaturgie: Susanne Meister
Mit: Pascal Houdus, Marie Löcker, Karin Neuhäuser, Paul Schröder, Jirka Zett, Sebastian Zimmler
sowie: Elena Beyersdorf, Catherine Claussen Vilas, Anna-Lea Geizler, Mila Nitzel, Don Schmidt, Thomas Geiger; Rolf Bach, Cheng Ding, Karolina Maria Kierzkowska (Film)

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